[5 Minuten Kultur täglich] Keine Kunsthalle für Eckernförde

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Schandfleck zu Kunsthalle

Eckernförde wandelt sich. Immerfort. Oft fehlt es im Nahfokus an der Möglichkeit dies zu erkennen. Dort wo die Gerichtsstrasse die Kieler Strasse in Süd und Nord aufspaltet hat sich viel verändert in den letzten Jahren. Beständig geblieben ist die dunkle Ecke mit dem Kiosk und der „Bedürfnisanstalt“.


Als der Kiosk noch ein Kiosk war und bei Michael Zeitschriften, Bücher und Zigaretten über den Tresen geschoben wurden, war es eine kleine Enklave der 60ger Jahre mitten in der Innenstadt. Passt doch: Post, Grundschule, Kiosk und die dunkle und etwas anrüchigen Klos, die einfach so gebaut sind, dass der Geruch von Urin in die Nase steigen muss, wenn man sich nähert. Schmuddelecke, aber geheimnisvoll. Der klotzige Bau des Kiosk mit seiner überzogenen Front trat hinter die Vielzahl der Auslagen zurück – alles war irgendwie funktional und belebt.
Der Pächter wechselte, etwas steril lagen kümmerliche Auslagen in dem kleinen Raum und kurze Zeit später stand das Bauwerkchen leer und sah komisch aus. Fritz Schenk, gestaltender Glasermeister hatte einige der bombastischen Dachklötze mit seinen Mosaikarbeiten versehen und das Ensemble strahlte leer noch eine morbide Spannung aus. Früher halt, sehr viel früher.
Dann kam der witzige Plan auf, die Touristik GmbH mit einer Fiale zu versehen, in dem ehemaligen Kiosk, im Herzen der Stadt und 500 Gehmeter von dem eigentlichen Domizil des Dienstleistungsbetriebes entfernt. Die Bewohner Eckernfördes grinsten etwas, wenn das Gespräch auf diesen Plan kam und fragten sich, ob die Schlüssel für die Strandkörbe jetzt im Zuge einer Zwangs-Sight-Seeing-Tour der Innenstadt abzuholen seien.
Eines Tages war der ehemalige Kiosk bepflastert. Nicht mit Werbezettel für Veranstaltungen, dass war er immer, sondern mit aufwendigen und grellen Plakaten in übertrieben kräftigen Farben und Formatfüllend über allen Türen und Fenstern: Die Touristik machte ihren Besitzanspruch lautstark kund und warb für Gross-Veranstaltungen. Laut. Sehr Laut! Neben unzähliger Information mindestens genausoviele Bilder, die kündeten wie diese Stadt in ihren besten Tagen ausschauen kann. Dazwischen, natürlich, dieses hässliche Beutelratten-Fettwanst-Eichhörnchen-Vieh das den armen Bewohnern als eins der vielen Symbole für Eckernförde aufs Auge gedrückt worden war. Die Ecke war endgültig verkommen. Morbide, altertümlich und grell überpointiert zog der Platz Schmierfinken an, die ihre sinnlosen Zeichen mit schwarzer Farbe auf die noch nicht zugeklierten Flächen zeichneten. Einheimische eilten mit schnellen Schritten vorbei und betrachteten konzentriert die Stühle der Gastronomen auf der anderen Seite der Fussgängerzone.

Alles sollte besser werden, die Touristik GmbH wollt einen nennenswerten Betrag von der Stadtverwaltung um den Kiosk-Klo-Komplex aufzuhübschen. Wobei die Eckernförde-Werbefachleute bestimmt nicht ihrer eigene optische Umweltverschmutzung meinten. Der Ratsversammlung war aber dieser, nennenswerte Betrag, zu viel. Die Kassen der Ostseestadt sind klamm, Lochzangen für neue Gürtellöcher haben Hochkonjunktur und praktische Sparideen sind gefragter als protzige Hochglanz Lösungen.

Zu der Zeit, als der Kiosk noch leer stand, trafen sich Künstler aus Eckernförde mit dem Kulturbeauftragten der Stadt. Es wurde überlegt, wie man die Tatsache, dass Eckernförde eine Stadt voller Künstler und Kreativer ist, etwas deutlicher machen könnte. Was nützt es, wenn es reichlich Ateliers und Galerien gibt, jede Menge kleiner aber spannender Veranstaltungen und viele bunte Initiativen – und nur die Kollegen und wenige Einheimische merken es. Natürlich hat die Bevölkerungsgruppe der Kreativen kaum Geld und praktisch keine Lobby. Das Stadtmarketing, soweit überhaupt vorhanden, kümmert sich um Gross-Veranstaltungen, die Stadt ist gepflastert mit Aufstellern einer kommerziellen Disko, Kleinkünstlern, Malern, Fotographen etc. bleiben nur ihre eigenen spartanischen Kanäle. Besucher der Stadt können sich über Kultur nicht informieren, oder müssen dafür hart arbeiten.
Da meckern und kollektiv Leiden nicht so übertrieben fruchtbar ist, wurde die Idee geboren, eine „Eckernförder Kunsthalle“ zu schaffen. Der Begriff sollte sich nicht an den grossen Städtischen Museen orientieren, sondern eher der rheinischen „Trinkhalle“ verwandt sein, wo sich die Bevölkerung Abends trifft und Neuigkeiten austauscht. Der leerstehende, zusehends mehr und mehr vergammelnde Kiosk in der Kieler Strasse wäre doch der ideale Ort. Klein genug und überschaubar, aber auch ausreichend, dass jeder initiativer Kulturtätige mit seinen Infos vertreten sein könnte. Die Künstler würden für funktionierende Öffnungszeiten sorgen, für ansprechende Gestaltung und kompetente Informationen – die Sachkosten müssten gestellt werden. Der Plan, ohne dass er vertiefend mit Politik und Verwaltung besprochen werden konnte, scheiterte daran, dass der damalige Vermieter auf einen solventen Pächter wartete.
Inzwischen hat sich einiges gewandelt. Und wenn die Kioskecke, die inzwischen wieder der Stadt gehört, wieder zur Disposition stehen sollte, könnte man ja mal überlegen…. Natürlich: In die Kategorie „Gross-Laut-Massenhaft“ gehört diese Idee nicht. Aber vielleicht ist Eckernförde inzwischen soweit, das auch Zwischentöne und zartere Qualitäten erkannt und gefördert werden können. Vielleicht. Wir können uns gerne mal darüber unterhalten. (Markus Feuerstack )
Ps: Inzwischen berichtete die Presse: Der Touristikkiosk wird kommen.


Von Blogger am 7/01/2011 09:24:00 AM unter 5 Minuten Kultur täglich eingestellt

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