Darvas: LEERSAITEN

Haruns Zirkelfluch

Aber es war nicht jene Stelle:
unnütz irrten wir – obgleich im Bunde
mit der Marter witzelndem Gefälle;
doch es fehlte uns davon die Kunde
weil die Klingen der geladnen Gäste,
um die Tafel fahrend in der Runde,
wilde Horden minnend, rauhe Feste,
uns im Kreise weiter rasend trieben
durch die festsaalgähnenden Paläste,
wo im Marmorsand wir eingeschrieben,
was uns von Gestein und grauen Ahnen
noch im halben Irresein geblieben.
Widerspruch und Wirrsal – wie Marranen,
wie im Stil verlaufner Renegaten,
die den Eigensinn auf kranken Fahnen
stolz und lächerlich vornübertaten,
liefen wir und wußten nur das Kreisen,
nur den Zirkel, in den wir zuletzt geraten.

Denn wir suchten nach dem großen Weisen.
„Laßt uns, Brüder, endlich zu ihm reisen!“

Vor Brueghels „Turm von Babel“

In einem Bilde, das sich gibt wie eine
aus Urbestand gebaute fremde Schneckenschale,
wo ein und aus die Einsamkeit die reine
Not des Fallens kundtut und mit einem Male
das ganze Werk gewirkte Ohnmacht atmet:
in einem Bild von Steinen, wo ein Riss sich klüftet
und atemschwer ein letzter Hauch die Orte
sprachlosen Lallens halb verbergend lüftet,
verhallen ungehört die letzten Menschenworte.

Strecke deine Wurzeln…

Strecke deine Wurzeln
tiefer
tiefer

Steure dich ein
in den Ruf
in das Rufen

Wache!

Hernach kommt der Henker
vielleicht klafft sein reich
seine sirrende Axt

Kaltnüchtern dörrt
der Horizont
Leere lischt Hoffnung

Wehre dem Bösen!

Strecke die Wurzeln ein
Wache
Wachse

 

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