Darvas: Esaus Tränen

Es war Mitternacht, als Ranzinger nach Hause kam. Draußen ging Regen nieder, selten nur rauschte ein Auto unten laut über den klatschnassen Asphalt. Ranzinger schloss das Fenster, das nach innen geklappt offen geblieben war. Das Licht hatte er nicht angemacht. Er blieb beim Fenster stehen und sah hinunter zur Chaussee. Neulinggasse 49. Zwei Zimmer, Küche. Wenn der nächste Wagen kommt, gehe ich schlafen.

Kein Auto fuhr vorbei. Ranzinger blickte unverwandt weiter auf die schillernde Straße, schweifte mit dem Blick zwischen den Glitzerstreifen herum, die sich auf den Pfützen spiegelten. Dann kam der letzte Bus, laut und seitlich Regenwasser von sich wegspritzend, um die Ecke und Ranzinger wandte sich dem Innern seines Wohnzimmers zu. Auf der Couch lag eine Magazin von letzter oder vorletzter Woche. Die Zeitschrift, dachte er. Vergessen, sie wegzuwerfen. Ranzinger ging zur Couch, knipste die Stehlampe an, nahm das Heft in die Hand und sah sich das Titelbild aus der Nähe an. Das Bild des israelischen Ministerpräsidenten auf der Titelseite. Der Israeli händeschüttelnd mit dem Führer der Palästinenser. Ein rothaariger Mann zwischen einigen anderen Personen im Hintergrund. Zwei Flaggen gekreuzt, eine Taube und ein Gewehr als Hintergrund offensichtlich als Montage dazugefügt. Dann kehrte Ranzingers Blick noch einmal zu dem Mann mit den roten Haaren zurück. Photomontage, dachte er. Gewehr und Taube, die Fahnen Israels und Palästinas. Und der Rest? Zwischen den ernstblickenden Hauptpersonen etwas weiter hinten stehend, offenbar Mitglieder der beiden Verhandlungsdelegationen, die mit aufs Photo geraten waren, und die mehr oder weniger geordnet dastanden, zwei Gruppen, nah aneinander, aber doch so, dass ein leichter Abstand zwischen ihnen war, dunkelhaarige Gestalten, alle europäisch gekleidet – nur der Palästinenserführer im Vordergrund trug seine Kefia. Man blickte ernst und die Sache schien nicht weiter außergewöhnlich zu sein, wäre da nicht der Rothaarige gewesen, der dahinter stand, allein, und der zu keiner der beiden Gruppen zu gehören schien. Es war nur sein Kopf zu sehen, aber auch der war halb verdeckt. Ranzinger hielt das Bild unter die Lampe, um genauer zu erkennen, was dieses Gesicht verdeckte war und sah ein Taschentuch. Ein Taschentuch. Wie von der eigenen Hand des Mannes hochgehalten, so, als ob es gerade zu seinem linken Auge führen wollte. Sonderbar, dachte Ranzinger. Ist der da hineinkopiert?. Oder vielleicht doch nicht? Was macht der da? Er ließ das Heft in der Hand heruntersinken und versuchte sich an etwas zu erinnern. Was war das doch? Etwas war da doch, an irgend etwas wollte er sich erinnern, es kam aber nicht hoch, dann sagte er laut zu sich selber: „Schluss jetzt, und ins Bett.“

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