Darvas: Gespräch am Abgrund

„Ich bin mir nicht ganz sicher“, sagte Quint, „ aber entweder ist das Nichts etwas, oder es ist nichts. Ist es es etwas, so fragt sich, wie der Widerspruch zu lösen ist. Kann Etwas nichts sein? Ist es aber nichts, so muß untersucht werden, ob es sich nicht um eine groteske Tautologie handelt, die erfunden wurde, um die Menschheit zu narren.“ Er neigte den Kopf etwas nach unten und verharrte in grübelndem Nachdenken.

„Nur immer langsam“, sagte Zumtor. „Dein Ansatz stimmt nicht. Jedenfalls nicht für mich. Ich sehe die Sache pragmatisch. Und deshalb frage ich: was soll diese Spekulation für einen Zweck haben. Betonung auf „Zweck“. Was bringt das?“ „Komm mir nicht mit Zwecken! Hörst du? Zwecke sind menschliche Strebungen. Der Mensch muß essen, schlafen, manchmal auch beischlafen, er braucht Geld, Geltung, Macht, also setzt er sich Zwecke. Lauter Alibis, aber immerhin: ohne das kommt er nicht zurecht, oder wird stumpf. Das funktioniert aber nur in den kleinen Zielsetzungen. Ich will mich ablenken, also gehe ich aus dem Haus, steige ins Auto, fahre zur Videothek, hol mir einen Film. Aber die Welt, das Leben, das All selber – also die großen Geschichten – was sollen die für einen Zweck haben? Humbug. Reine Projektion. Zwecklos.“ Quint war heftig geworden. Er konnte sich bei solchen Fragen erregen. Und niemand – außer Kostner – konnte ihn stoppen. Kostner warf ihm einen neuen Brocken zu: „Werfen. Geworfen sein. In die Existenz geworfen. Wurf. Wurfgeschoß. Deine Thesen sind wie Wurfgeschoße.“ Und wartete, wie Quint reagieren würde. Der lachte auf und rief: „ich werde wieder mal nicht ernst genommen!“ Nur Zobel, immerhin der philosophische Veteran in der Runde, protestierte: „Wieso nicht ernst genommen? Wir steigen alle auf deinen nihilistischen Trip ein, und du fühlst dich nicht ernst genommen! Was willst du eigentlich?“ „ Na bitte“, fetzte Quint zurück, „ der eine fragt mich nach Zwecken, der andere will wissen, was ich will. Absurd. Wenn alles zwecklos ist, hat es keinen Sinn zu fragen, was ich will. Und was heißt nihilistischer Trip. Na ja, nihilistisch, OK, das geht noch. Aber Trip? Trip heißt Reise, heißt Weg, aber auch das ist Illusion. Schlimmer noch: Ideologie. Zwecklos. Nein, es entbehrt jeder Basis, hat keinen Sinn.“ „Weder Sinn, noch Zweck“, meinte Zobel, „ und wenn du dem Buddha begegnest, töte ihn!“ Quint hatte sich beruhigt. Fast herablassend sprach er: „Das ist passé, Zobel, Zen oder die Kunst, sich im Kreis zu drehn, nein danke, und dann noch Zumtor mit seiner Theorie des Bösen. Nee, ich danke. Nur die Gegenwart zählt. Jetzt. Punkt. Aber trotzdem, ich will endlich Antwort, versteht ihr? Eine Antwort. Die Antwort. Halt! Stop! Ich weiß schon, was jetzt kommt! Die Antwort ist in dir. Nur du kannst dir selber die Antwort geben, blablabla.“ Quint fischte eine Zigarette aus der Schachtel zündete sie genießerisch an und sagte: „ Tschüß. Ich geh fernsehen. Nee, nicht Tarkovskij. Die Muppet Show. Hochphilosophisch. Bis später.“ Und verschwand im Wohnzimmer.

In der Küche, wo die Gesellschaft zusammengesessen war, war der Geruch frischer Waffeln stark geworden. Pnina, die schweigend am Waffeleisen gestanden und Teig gegossen hatte, horchte auf. Aus dem Wohnzimmer hörte man Quints kräftige, keineswegs nihilistisch klingende, kräftige Stimme: „Mit Zimt und Zucker, bitte, die Waffeln. Dankeeeee!“

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