Darvas: Guttmann-bácsi träumt von den Engeln

Ich lernte Guttmann-bácsi bei seiner Tochter Angela kennen. Er war damals schon beinahe neunzig, ein rüstiger Greis mit einem intensiven Blick, der dann und wann hinausschweifte, über die Pilisberge hin ins Weite.Was er sah weiß ich nicht, und vielleicht wußte er es selber nicht so genau. Aber eine – freilich aus greisenhafter Ferne wirkende Wachheit war um ihn. Er fragte nach meiner Tätigkeit in Deutschland, wollte meine Familiensituation wissen, siebte immer wieder etwas hervor, was ihn interessierte, besonders die Höhe meines Gehalts, und wie die sozialen Sicherungen seien im Westen. Dann schweifte sein Blick wieder aus dem großen Fenster des Hauses fort in die Landschaft nahe des Budapester Nordens.

Bei Angela gab es für mich immer einen Mittagstisch. Ich fand mich ein ohne Anmeldung, man fragte, ob ich bleiben wollte, man erinnerte sich der Tage im Herbst 89, als alles im Wandel war, an den Film, den Angela und ihr Mann Józsi unbedingt mit mir sehen wollte, ein Dokument über Recsk, dem berüchtigten Straflager in der Zeit des Diktators Rákosi. Es war damals noch ganz die Aura derer um sie, die im Kommunismus aufgewachsen waren, eine eigentümlich gefärbte Seelenwelt voll naiver Gläubigkeit, nicht in den Kommunismus freilich, aber in Bildungswerte, die im Westen längst dahin waren. Und weil es oft Sonntag war, wenn ich zu den beiden und ihren Kindern kam, war auch Guttmann-bácsi da, der, längst verwitwet, sonntags bei seiner jüngeren Tochter aß, plauderte und ruhte. Im Plaudern aber kamen ihm Erinnerungen hoch, die er stückweise von sich gab.

So erfuhr ich einiges aus dem Leben eines Mannes, der sich 60 Jahre lang nicht von seinem Geburtsort wegbegeben, und trotzdem viermal die Staatsbürgerschaft gewechselt hatte. Wäre er nicht in den sechziger Jahren nach Budapest gekommen, hätte er noch – ohne seinen Wohnort zu verändern – eine fünftes Mal seine Staatsangehörigkeit wechseln dürfen. Er kommt aus Munkács. Das liegt heute in der Ukraine. Vor dem ersten Weltkrieg war das ungarisches Staatsgebiet seit langem, er war also als österreich-ungarischer Untertan seiner Majestät, Kaiser Franz Josefs geboren. Dann kam Trianon, die Urkastrophe der neueren ungarischen Geschichte. Das Gebiet „Unter den Karpaten“, wie die Ungarn die Region um Munkács nennen, wurde der Tschechoslowakei zugeteilt. Guttmann hatte seine Diplomarbeit als Lehrer in tschechischer Sprache zu schreiben. Freilich zwingt eine solche ethnisch buntgescheckte Region seit je zur Mehrsprachigkeit: ungarisch war seine Muttersprache, ukrainisch hat er wohl auf der Straße als Kind gelernt, tschechisch in der höheren Schule und an der Hochschule. Dann kam der 2.Weltkrieg, die Region fiel an Rumänien, und nach dem Einzug der Sowiets wurde das Land Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik, Guttmann wurde Sowjetbürger. Wäre er geblieben, wäre er 1991, als die Sowjetunion auseinanderbrach, Ukrainer geworden.

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Vor einem Jahr ist im Januar ein Schneetreiben gewesen, der den ganzen Verkehr in dem Vorort lahmgelegt hat. Ich wollte lediglich ein wenig einkaufen, machte den Versuch, mein Auto durch eine Nebenstraße zu fahren, um den Stau zu vermeiden, konnte aber den Hügel nicht hochkommen und mußte den Wagen am Straßenrand abstellen. Das war ganz nah bei Angelas Haus mit dem Panoramablick auf die Berge, ich beschloß spontan, bei ihr hineinzuschauen, fand die Familie und auch Guttmann-bácsi war da, der gerade an diesem Tag seinen neunzigsten Geburtstag hatte. Ich erfuhr, daß er zwei Wochen davor operiert worden war, ein Krebsgeschwür im Darm; daß der Arzt ihm ehrlich gesagt hatte, wie unsicher

1es sei, ob er ́s überstehen würde: ob Herz, Kreislauf bei dem Eingriff mitmachen würden. Jetzt ging er wieder spazieren, auch im Schnee, jeden Tag ein Stündchen, und ich bewunderte seine Zähigkeit. Er war nun abwesender, weiter weg, aber auch jetzt nicht konturlos. Ein Gespräch kam kaum zustande, aber das machte nicht viel aus. Er war den Engeln nah. Er hätte sich freilich gewundert, wenn ich ihm dies gesagt hätte. Aus allem was ich von ihm erfahren und an Meinungen gehört hatte, war er ein Diesseitler, pragmatisch und rational eingestellt, vielleicht Atheist. Aber er war den Engeln nah. Stumm sprach er mit ihnen, ohne es wahrscheinlich zu wissen. Ich sah ihn dann pünktlich seinen Spaziergang machen, er Schritt gesenkten Hauptes die steile Straße hoch, und wandte keinen Blick den Bergen zu. Und keinen Blick zurück.

Gestern sah ich ihn wieder. Und konnte Engelstimmen hören. Einige Studenten meines Kurses hatten mich zu einem Konzert oben im Burgviertel mitgenommen, es fand in der Aula des Rathauses statt, ein Frauenchor sang a capella Weihnachtslieder, Renaissancemusik und Barock, die Stimmen schwebten und überboten sich in gelungener Reinheit und Harmonik. Oben war ein Historienbild, riesig groß, mit König Stephan, der wild-orientalisch aussehende Urungarn gnädig empfing inmitten einer Steppenlandschaft. Unten sangen die Damen, und Guttmann-bácsi saß in der dritten Reihe links und hatte seine Augen geschlossen. Manchmal sackte sein Kopf etwas nach unten, dann schwang er mit den Liedern leicht mit, und als eine Bachkantate erklang, lehnte er sich nach vorne, die Augen weit geöffnet.

Ich bin nach dem Konzert nicht auf ihn zugegangen. Mit einer Gruppe Studenten war noch ein Besuch in einem Café geplant. Was hätte ich auch sagen sollen? Hat er nicht die Engel um sich?

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Kurz nach Weihnachten erfuhr ich, das Guttmann-bácsi bereits im August verstorben war. Er hatte seinen Abschied bis ins letzte vorbereitet, Wohnung und Papiere geordnet, die letzten Brotkrümmel noch in einer Tüte verpackt zu Angela gebracht, die Inschrift seines Grabsteines in kalligraphischen, aber schlichten hebräischen Lettern niedergeschrieben und den Rabbiner bestimmt, der den Begräbnisgottesdienst halten sollte.

Was soll ich sagen? Daß ich in der Adventszeit, oben in der Burg, jemanden anderen gesehen haben muß? Mag sein. Wer aber weiß, auf welche Weise Tote sich melden? Hatte er nicht – so oder so – die Engel um sich?

In der Adventszeit geschrieben ( Samstag, 11. Dezember 1999).– zu Weihnachten Dimitri gewidmet Ergänzt Sonntag, 16. Januar 2000

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