Darvas: Rabbi, mein Rabbi

Der Schweizer Honorarkonsul in Boston, Massachussetts, hieß Klein. Nicht Cohn und nicht Perlstein, weder Shapiro, noch Lazarovics. Klein, Victor, PhD. So und nicht anders. Und niemals wäre es je an ihre Ohren gedrungen, daß er so hieß, und noch dazu Rabbiner war, hätte nicht ein kleiner roter Hummer und einige große Wale ihre Schritte zu ihm gelenkt. Niemals, nicht in ihren ausgelassenen jugendlichen Scherzphantasien, die sie sich – ob Ferien oder nicht – in Plaudereien nach dem Mittagessen leisteten, wären sie darauf gekommen, daß es in Boston einen Schweizer Honorarkonsul gab, niemals hätten sie je seinen etwas prosaischen Namen gehört, und niemals – wer würde auch auf so etwas kommen – in der Person des Herrn Konsuls einen ordinierten Rabbiner begegnet haben, hätte nicht Hummer und Walfisch sie freundlich hingeleitet. Die Sache war vom Augenblick an eindeutig, als die Dame an der Rezeption, den Telefonhörer noch zwischen Wange und Schulter geklemmt in einer kleinen Drehung zu ihnen hin den Namen auf einen Zettel notierte und ihn hinüber reichte. Da stand, deutlich, unverkennbar: „Rabbi Victor Klein, 43 74 44 1″.

Sie kreisten im Mietwagen ein wenig durch die Bostoner City, und hatten Zeit, den Faden wieder aufzunehmen: den rabbinischen und den, der sie mit Hummern umgarnte. „Schau“, sagte Zobel, „ es gibt a) viele Juden in Amerika – das bist du nicht gewöhnt; b) ganz Amerika ist lobstersüchtig, Hummer ist eine Art Nationalspeise, vor allem hier an der Ostküste. Und c) kommt es nicht in Frage, daß wir paranoid werden. Wir sind in Ferien.“ Pnina wollte dieses altkluge Reden mit einer Bemerkung konterkarieren, hielt sich aber zurück. Sie hatte nicht die geringste Neigung – weder Neigung, noch Disposition – paranoid zu werden. „Nimm es einfach als karmisches Kunstwerk“, dozierte Zobel weiter, „und betrachte die wiederkehrenden Motive gelassen. Außerdem solltest du jetzt rechts abbiegen.“ Pnina hatte sich recht schnell an die automatische Gangschaltung gewöhnt, und bog auf Zobels Geheiß um die Ecke. Sie parkten etwa 100 Schritte von dem Haus entfernt, in dem das Konsulat laut Adresse und Stadtplan zu sein hätte, fanden rasch die richtige Hausnummer, und betraten den Fahrstuhl. „Und es war nicht in dem Laden, wo wir den kleinen Hummer gekauft haben, unmöglich. Ich meine: wie soll es da passiert sein? Das Geld habe ich zwar herausgenommen, also das Portemonnaie auch. Aber ein Paß fällt nicht heraus, ohne das man das merkt.“ Jetzt antwortete Zobel nicht. Er war ja auch nicht sicher, wie’s wirklich gewesen sein mochte, hatte selber zu oft schon etwas verlegt, verloren, vergessen. Sie traten aus dem Aufzug. Da hörte Zobel Pnina leise, ganz leise vor sich hin sagen: „Rabbi, mein Rabbi…“

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