Darvas: Rufus

Rufus ist blind. Aber er kann wunderbar singen. Kein Geräusch, das er hört, kein Lärm, der im Umkreis seiner Ohren auftritt, kein Rascheln, kein Schnarren, kein Knall: nichts, das sich nicht in seinem Innern in Töne und Tonfolgen verwandelte. Er singt Lieder: heitere und traurige, langsame und schnelle. Wer ihn hört, ist wie verhext. Keiner, der sein Singen erfährt, kann sich Rufus ́ Zauber entziehen. Es ist aber schwer, seine Hütte zu finden.

Sie stand lange schon da, mit ihrem Reetdach und ihrem geduckten Leib, weit hinter dem Dorf, hinter Hecken und Bäumen. Alte Frauen im Dorf wussten zu erzählen, wie, nach dem großen Krieg, Flüchtlinge dort wohnten, bis man sie dann, als die schlimmste Not vorbei war, hinüber in Baracken verlegte. Rufus war einer von jenen gewesen, die mit den Trecks gekommen waren und, wer weiß wieso, gerade hier gelandet sind. Die Baracken waren längst weg. Flüchtlinge waren zu Einheimischen geworden. Aber die Hütte stand noch. Und Rufus war nicht weggezogen. Ob er zum Einheimischen geworden war, ist schwer zu sagen. Keiner weiß übrigens mehr, wie er das Häuschen erworben hatte. Viele Erinnerungen waren wie verwischt, und selbst Großmutter Jensen, die doch sonst wusste, was Hinz oder Kunz getan oder unterlassen hatten, selbst sie brachte keine klare Antwort zustande, wenn man sie danach fragte. Auch ich weiß dazu nichts zu berichten. Als ich Rufus kennen lernte schien alles, was mit seiner bürgerliche Existenz zu tun hatte, in einen seltsamen Nebel versetzt. Habe ich ihn je nach seiner Herkunft gefragt? Je über seine Besitzverhältnisse und Einkommen geforscht, bei ihm oder anderswo? Ich muss gestehen: ich erinnere mich nicht.

Der Weg führt an einem Teich vorbei, gleich dahinter musst du links in einen kleinen Waldweg abbiegen. Du gehst an einem Transformatorenhaus vorbei und solltest, wenn du in die Lichtung gelangst, aufpassen: das Gelände ist leicht gewellt, und erst hundertfünfzig Meter weiter – es stehen zwei, drei Eichen dort – wird das Schilf des Daches dunkelbraun sichtbar. Wenn der Wind weht, und das tut er oft in dieser Gegend, musst du kurz stehen bleiben, denn es könnte sein, dass ein Ton zwischen dem Wispern und Summen des Windes wohnt, der nicht zum Wind gehört, sondern zu einem Menschen. Bleib stehen. Horche hin. Versuche zu wissen, ob die Stimme, die sich kaum vom Wehen des Winds abhebt, tatsächlich in der Luft schwebt, oder nur aus deiner Einbildung stammt. Kommst du skeptisch daher, wirst du ́s nicht herausfinden. Machst du dir etwas vor, dann erst recht nicht. Du wirst dann das Dach für eine Feldkuppe halten und weitergehen, oder daran vorbei gucken, ohne überhaupt bemerkt zu haben, dass da ein Haus ist. Es ist mir schon passiert, dass ich anderthalb Stunden um die kleine Senke spazierte, hinaus zur asphaltierten Straße kam, nicht weit von dem Platz, wo mein Auto stand. Rufus, dem ich dies einmal erzählt habe, behauptet, es gäbe gar keinen Weg zu seinem Haus. Man könne ihn nicht sicher beschreiben, oder gar beschreiten. Der Weg ist jedes Mal ein anderer, behauptete er. Ich gestehe, dass mir das ziemlich unwahrscheinlich vorkommt, jetzt, wo ich das so erzähle. Damals, als er es nüchtern und kurz angebunden sagte, klang seine Behauptung aber sehr einleuchtend.

Man betritt die Kate durch eine niedere Tür. Rufus sitzt meist in einer Ecke der niederen Stube auf einem Stuhl Er hat die beiden Hände auf einen Stock gelegt und scheint ins Leere zu blicken. Meistens hört man die Melodie gerade verklingen, selten tritt man ein und der Gesang hebt erst recht an und geht seine magischen Wege. Manchmal steht Rufus auf und tritt dir entgegen, mit einem oder zwei kurzen sicheren Schritten. Niemals grüßt er mit Worten. Er meint, das Lied, das dich geführt hat, sei bereits Gruß genug, und mehr als das. Immerverstreichen lange Augenblicke, bis ein Wort von ihm zu vernehmen ist. Meistens wird man freundlich angesprochen. Es kommt dann und wann vor, dass er dich mit sehr ernstem Gesicht empfängt. Der Ton der ersten, späten Worte klingt dann streng. Erst nachher versteht man, warum das so sein musste. Rufus wird dir in dir Regel Wasser einschenken, auch Brot bietet er dir an. Mit einer kaum wahrnehmbaren Gebärde – Kopf und Hand – wird er dich auffordern, Platz zu nehmen. Es wird wieder ein langes Schweigen geben und später – wie spät weiß man nicht, nirgends hängt eine Uhr, auf die eigene zu schauen kommt einem nicht in den Sinn – beginnt etwas, was von Ferne an ein Gespräch erinnert. Erst wenn man wieder draußen zum Wagen zurückeilt sieht man ein, dass es wirklich ein Gespräch war, intensiver als die vielen Worte, die gewöhnlich getauscht werden. Guckt man dann auf die Uhr, so findet man kein gemeinsames Maß zwischen der Zeit, die sie anzeigt, und der, die man drinnen erlebt hat. Das alles wird dir die ersten Male sonderbar vorkommen, du wirst dir selber als etwas verrückt erscheinen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass kurze Zeit später alles aus deinem Gedächtnis verschwunden sein wird. Man gewöhnt sich auch nicht wirklich an diese sonderbaren Dinge. Deshalb kann ich dir auch kein Rezept, keinen Trick, keine Taktik verraten um zu Rufus ́ Kate zu finden oder zurückzufinden. Willst du wiederkommen? Dein Antrieb wird dich wach halten, und das Lauschen auf der kleinen Anhöhe bei den Eichen, dort, wo du wahrzunehmen versuchst, wer singt, Mensch oder Wind. Vielleicht auch mutet, in der U-Bahn oder im Büro, ein Etwas dich an, was an die Gespräche erinnert, unwillkürlich, und als etwas ganz anderes, als was es dort, in der Kate, war.

„Es sind keine Gespräche“ sagt Rufus. „Es sind Geschichten, die wir gemeinsam erzählen.“ Er blickt ins Leere. „Und es sind Lieder, die gesungen werden wollen.“ Ich schweige. Rufus ist aufgestanden, hat sich auf seinen Stock gestützt. Er nimmt einen Ton von irgendwo her, summt in an, und geht in einen langen Gesang ein. Es ist die Geschichte vom Vogel Simurg und dem Kind, das in seinem Nest in den Bergen Asiens aufwuchs, bis seine königlichen Eltern es endlich fanden. Ich habe die Geschichte einmal in einem Kinderbuch gelesen, hatte sie längst vergessen, und jetzt war sie wieder da. Aber seltsam: sie war so anders. Rufus nickt mir zu. „Ganz anders!“, sagt er. „Und doch ist es deine Geschichte. Wo kommt das Anderssein her? Was meinst du?“ Ich sage: „Weil Du sie singst?“ frage ich. „Nein,“ antwortet er, „weil du aufwachen sollst.“

„Mensch oder Wind, mein Freund, wie unterscheidest du ́s?“ fragt Rufus. Ich weiß ihm nur Folgendes zu antworten: „„Ich erzählte abends meinen Kindern, als sie noch klein waren, Märchen, die mir in den Sinn kamen. Manches, was ich erzählte, hatte ich aus den Sammlungen der vielen Völker, die Märchen besitzen. Manches hatte ich mir zusammengereimt, teilweise oder ganz, es schien mir aber erzählenswert. Manchmal erzählte ich so, wie es überliefert war. Einmal hat mich mein Ältester gefragt, ob diese Geschichten wahr seien, oder ob ich sie erfunden hätte. Ich war ziemlich in Verlegenheit. Ich antwortete: Weißt du, sie sind ganz wahr, aber sie passieren in der Märchenwelt. Mein Sohn erwiderte recht keck: Und woher kennst du sie, wer erzählt dir das, denn wenn sie so passiert sind, muss es dir jemand erzählt haben. Oder warst du selber dort? Im Märchenland? Das kann ich nicht glauben. Ich weiß von Oma genau, wo du aufgewachsen bist, wo du auf Ferien warst, wo und wann du zur Schule gingst und angefangen hast zu arbeiten. Da ist alles ganz normal. Von Reisen ins Märchenland hat sie nichts erzählt. Also bitte? – Ich war etwas verlegen, zögerte die Antwort hinaus, und sagte schließlich Folgendes: Wenn ich spazieren gehe, erzählt sie mir der Wind. Wenn man gut hinhorcht, funktioniert es. Er bringt die Geschichten herüber.“ Rufus setzt sich hin, neigt den Kopf zu Boden und sagt: „Na schön, vielleicht, vielleicht aber auch nicht. War dein Söhnchen zufrieden mit der Antwort? Bist du es?“ Ich setze zu einer Antwort an, und, obwohl er nichts sieht, unterbricht mich Rufus, noch bevor ich ein Wort aussprechen kann: „Um Gottes Willen, keine Antwort jetzt! Keine Antwort, wenn ich bitten darf.“

Es gab Tage, da sah ich Rufus fast jede Woche. Dann wieder vergingen Jahre, wo seine Kate nicht zu finden war. Der Gesang, den ich bei den Eichen hörte, war auch dann recht schön, und wenn es nicht gelang, kahle Skepsis und verblasene Wünsche zu beseitigen. Was ihn so schön gemacht hat? Es muss die Erinnerung gewesen sein. Doch so treu Erinnerung auch sein mag: die Hütte ist nur zu finden, wenn der Gesang vernommen wird, der hier und heute erklingt.

Manchmal, ja manchmal, da komme ich noch hin, und spreche mit Rufus, so, wie ich es hier erzählt habe. Du wirst einwenden, mein Sohn, dass wir vor vielen Jahren aus der Gegend weggezogen sind, wo es Katen mit Reetdächern gibt, wo der Wind weht, wo Großmütter Jensen heißen und wo nach dem Krieg Flüchtlingslager standen. Mag sein. Ob du an die Märchenwelt glaubst, werde ich dich, einen Mann, der mitten im Berufsleben steht, nicht fragen – wenn du einmal Kinder hast, stell dir die Frage selber – und um Gottes Willen, frag mich nicht, ob es die Kate und seinen Bewohner wirklich gibt, und die Stimme im Wind.

Ich werde nicht antworten.

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