K. Barba:: Billardkugeln

 SO WIE BILLARDKUGELN ANEINANDERPRALLEN…

Wir nehmen die Vespa und fahren dem Sonnenuntergang entgegen. Ich habe jetzt einen eigenen Helm, der mich seltsam und fremd aussehen lässt. Das neue Sommerkleid, das sich jetzt im Fahrtwind erst eng an mich schmiegt, um sich dann gleich darauf aufzublasen wie ein knallgelber Luftballon, will nicht so recht zu diesem mächtigen Astronautenhelm passen, den ich auf dem Kopf trage. Ich rufe gegen den Wind an. Er dreht den Kopf etwas zur Seite, halb zu mir nach hinten, damit ich seine Antwort hören kann.

Wir scheinen zu fliegen. Vorbei an blühenden Oleanderbüschen, duftendem Jasmin, stacheligen Kakteen, auf denen verdörrte Kaktusfeigen im letzten blassen Rot ausharren. Auf dem Meer unter uns tanzen tausend silbrige Sterne.Vor einer Paninoteca machen wir halt. Wir setzen uns an einen Tisch auf der gut besuchten terrazza und verlangen nach warmen piadine. Knatternde Roller fahren die Straße unaufhörlich rauf und runter, und wenn nicht gerade ein Zug in den gegenüberliegenden Bahnhof einläuft oder an uns vorbeirauscht, dringt die aufgeregte Stimme eines Fußballkommentators aus den Lautsprechern des Megabildschirms, der im hinteren Teil der Terrasse steht.
Neben uns isst die Großfamilie des Bildhauers und Poeten Balistreri an endlos zusammengeschobenen Tischen und wetteifert in ohrenbetäubender Lautstärke mit der sich nun fast überschlagenden Stimme des Sportreporters. Wir essen unsere hauchdünnen Fladen mit salzigem Bresaola und wildem Rucola. Er verlangt eine extra Portion Parmesan und frische Pilze dazu. Die Füllung ist mit einer Zitronenmarinade gewürzt, die bei jedem Bissen an den Seiten herausquillt und auf unsere Teller tropft. Wir schreien uns an, um uns verstehen zu können und geben unsere Unterhaltung schließlich auf, weil sich unerhörte Geheimnisse nun einmal nicht gut schreien lassen. Wir stoßen auf den Sommer an und rufen uns zu, wie schön dieser Abend doch ist. Che bellaserata!
Am Ende bin ich leicht beschwipst. Lachend steige ich wieder zu ihm auf die Vespa und er lässt sich von meiner Fröhlichkeit anstecken. Es ist ein nahezu unsinniger Lachanfall, so unverschämt ausgelassen, dass er nicht mehr gerade lenken kann und wir mit unseren Helmen wie Billardkugeln aneinanderprallen. Immer wieder. Bis er am Straßenrand anhält und mir die Tränen aus den Augenwinkeln wischt. Wir nehmen einen Umweg und gehen in die bunteste aller gelaterie.
Ich kaufe eine große Kugel Schokoladeneis, mit Birnenstückchen und Peperoncino. Wie Buttercreme zergeht die sattbraune Schokolade in meinem Mund. Die Birnenstückchen hinterlassen ein rauhes Prickeln auf meiner Zunge und besänftigen den scharfen Geschmack nach Chili. Inzwischen ist es dunkel geworden und immer noch zeigt die grüne Leuchtschrift des Temperaturanzeigers gegenüber an der Farmacia, der Apotheke, fünfunddreißig Grad. Mein Waffeleis beginnt zu schmelzen und läuft mir kitzelnd über Hand und Ellbogen. Abwechselnd fahre ich mit der Zunge über das schmelzende Eis und über meine Hand, an der die Schokolade nun hinuntertropft. Ich schlecke am Ellenbogen, an den Fingern und schließlich wieder am Eis. Es hört nicht auf zu zerlaufen.
Am Ende ist mein Mund schokoladenverschmiert, meine Hand und meinen Ellenbogen zieren dunkle, klebrige Spuren. Er lacht schon wieder, schüttelt den Kopf und wird plötzlich ernst: „Una donna così…“, „Was für eine Frau …“ Wir fahren mit der Vespa geradewegs zurück ins Dorf.
(…) aus Via Trieste. 2009

1 Im Original: Stand by me