K. Barba: Via Trieste

Ich wache so gern auf in meiner neuen Wohnung in der Via Trieste. Von meinem überbreiten Bett kann ich durch alle Räume hindurch bis auf meinen Balkon und auf den Balkon der Familie Butera von gegenüber gucken. Schön ist es, morgens die Augen aufzuschlagen und geradewegs der Sonne, die vorsichtig auf den Balkon blinzelt, entgegenzustrahlen.

Es geht eine wunderbare Leichtigkeit von allen Räumen aus und Maria nennt meine Wohnung die Gute-Laune-Wohnung, l‚appartamento d’allegria.

In meinem Schlafzimmer scheinen in der Tat nur gute Seelen gewohnt zu haben, ich träume gern dort. Die Möbel sind alt und auch der Spiegel scheint schon viel gesehen zu haben, sein Glas ist hier und da zersprungen und von einem feinen Staub überzogen. Ich fahre ab und an mit dem Finger darüber und bringe es nicht über mich, ihn völlig abzustauben.

Maria sagt, das Schlafzimmer sei antik und schimpft mich leicht verrückt, un po‘ pazza, weil ich mich weigere, den Spiegel zu putzen. „Vielleicht“, sage ich ihr, „will er ja gar nicht mehr sehen.“

In meiner Küche gibt es vier Stühle. Keiner gleicht dem anderen und gemeinsam verleihen sie dem dunklen Marmortisch besonderen Glanz. Das Bad ist himmelblau gestrichen. Ganz genau so, wie es mir gefällt. Manchmal, wenn die Zisterne auf dem Dach mit frischem Wasser gefüllt wird, dann regnet es von meiner Himmelsdecke im Bad.

Es ist der einzige Regen, den ich seit meiner Ankunft hier in Sizilien erlebe. Gaetano, mein Vermieter, verspricht, den Schaden an Dach und Decke nach meiner Abreise zu beheben, und ich bedauere es fast.

Das Leben in der Via Trieste beginnt früh! Bereits um fünf Uhr knattert Gaetano auf seiner Vespa durch die Straße. Er lebt vom Fischfang und kann sich gar nichts anderes vorstellen als ein Leben auf dem Meer. Ich schlafe dann wieder ein und werde erst wach, wenn der Bäcker mit seiner dreirädrigen Ape durch die Straße rumpelt und uns, die Bewohner der Via Trieste, mit einem sizilianischen „U pani cc’è“, „Das Brot ist da“, anlockt.Dann schweben Körbe mit Münzen von den Balkonen hinunter und der panettiere, der Bäcker, legt weich duftendes Brot und panini hinein. Wenig später folgt ihm der Gemüsehändler, der seinen Wagen bis in die Mitte der Straße fährt und singend sein Tagesangebot anpreist. Wer Lust auf eine Plauderei hat, geht ihm entgegen und erledigt seine Einkäufe am gemüseprallen Karren. Alle anderen lassen wieder die Körbe hinunter und rufen dabei dem Händler ihre Einkaufswünsche zu.Am Ende der Straße sitzt ein alter Mann auf einem Küchenstuhl vor seinem Haus. Tag um Tag. Er erzählt mir von seiner Kindheit im Dorf und von seinem Großvater, der sein Glück in Amerika gesucht hat und nach dem die winzige Seitengasse zur Via Trieste benannt ist. Die Vicolo Scorsone. Er selbst habe in den Sechzigerjahren in Deutschland gearbeitet und sei nach sechs Jahren in der Fremde als Erster mit einem Kühlschrank als seine größte Errungenschaft in das Dorf zurückgekehrt. Ich habe Mühe, ihn zu verstehen. Er ist fast zahnlos und spricht außerdem nur Sizilianisch mit mir. Ich verspreche ihm, den Dialekt zu lernen. Täglich beschenkt er mich mit frischen Feigen und Zitronen aus seinem Garten. Mit Tränen in den Augen erzählt er mir von dem Schlaganfall im letzten Winter, der ihn nahezu bewegungslos und damit zum Hüter der Via Trieste gemacht hat.(…)

aus Via Trieste. 2009