K. Barba: Vorhang auf!

Vorhang auf!

Möglicherweise werde ich diesen Brief an Dich mehrmals unterbrechen, denn unten auf der Straße findet ein Schauspiel statt, das ich mir nicht entgehen lassen möchte. Verzeih mir also, wenn Du meine Zeilen nur bruchstückhaft bekommst.

Gerade bin ich vom Einkaufen am Lungomare in meine Gute-Laune-Wohnung zurückgekehrt. Wie immer sind meine Balkontüren weit geöffnet. Mein Schreibgerät steht bereits aufgeklappt auf dem kleinen Küchentisch und wartet gähnend darauf, meine Gedanken in Worte zu verwandeln. Ich setze mich an den Tisch und beginne zu schreiben, als ich plötzlich jemanden singen höre. Und eine zweite Stimme, die ihm singend antwortet. Die Neugierde lässt mich meine Arbeit unterbrechen. Barfuß tappe ich über die kühlen Marmorfliesen auf meinen Balkon hinaus und blinzle durch das grelle Sonnenlicht nach unten.
Gaetano sitzt auf einem Stuhl vor seiner Werkstatt. Mit einer Hand klatscht er rhythmisch auf seinen nackten Schenkel, während er die andere theatralisch Signor Antonio, dem Nachbarn von gegenüber, entgegenstreckt. Er singt ein Lied von Adriano Celentanoundder rundliche Signor Antonio mit der Nickelbrille antwortet ihm mit einer Opernarie aus Rigoletto.
Signor Michele sitzt ausnahmsweise nicht auf dem alten Küchenstuhl vor seinem eigenen Haus. Beide Hände auf einen Stock gestützt, hockt er auf den Stufen zu meiner Gute-Laune-Wohnung. „Bravi, bravi“, ruft er aus und stampft mit seinem Stock auf den Boden. Nun tritt auch Angela aus ihrem Haus. In ihrem leuchtend blauen Kittelkleid zu den pechschwarzen Haaren, geht sie entschlossenen Schrittes, als wäre sie die Platzanweiserin eines Theaters, auf die Freiluftbühne in unserer Straße zu.
Gaetano, als Adriano Celentano, trägt seine kurzen orangefarbenen Shorts und ein schneeweißes Shirt. Der rundliche Signor Antonio ähnelt in seinem ärmellosen gerippten Unterhemd vor allem wegen seines Umfangs seinem großen Vorbild Luciano Pavarotti.

Signor MicheIe, als bisher einziger Zuschauer, trägt seine kurzen blauen Hosen zu einem gelbkarierten dünnen Hemd, das bis unter die Brust aufgeknöpft ist und einen Blick auf seine müde, blasse Haut zulässt.

 

Ich verfolge das Konzert von meinem sonnigen Logenplatz auf dem Balkon. Wegen der Hitze habe ich mir nur ein hauchdünnes Tuch um den Körper gewickelt, das vor der Brust von einem dicken Knoten zusammengehalten wird.

Angelas Blick geht zu mir auf den Balkon hinauf: „Scendi, scendi“, winkt sie, „Komm runter.“ Sie ruft es so bestimmt, als wolle sie tatsächlich kontrollieren, ob ich im Besitz einer gültigen Eintrittskarte zu diesem improvisierten Konzert bin. Noch vor mir betritt Enzo die Straßenbühne und beginnt, nur mit dem Einsatz seiner Stimme, ein ganzes Orchester nachzuahmen. Abwechselnd spielt er Trompete, Cello, Gitarre und gibt zischende Geräusche von sich, als wäre er das Becken eines Schlagzeugs. Er ist der zweitälteste von Angelas Brüdern und tatsächlich Sänger von Beruf.
Ich schlüpfe in meine Zehensandalen, hüpfe die dunkle, schmale Treppe hinab und schiebe den Riegel meiner unscheinbaren Haustür beiseite. Vorsichtig steige ich über Signor Micheles Beine hinweg, indem ich mein Tuch ein wenig raffe, das nun in meiner Phantasie zum schulterfreien Abendkleid aufgestiegen ist. Ich geselle mich zu Angela, die ihre beiden Brüder mit unendlich liebevollen Blicken beschenkt. „Bravi sono, no“, sagt sie mit ihrer ruhigen, leisen Stimme und drückt ihre Wange an meine. Die feinen Borsten ihrer Härchen an Kinn und Wange pieken mich ein bisschen dabei.

Nach und nach füllt sich die Straße mit den anderen Nachbarn aus den Häusern links und rechts. Wer keinen guten Stehplatz mehr ergattern kann, verfolgt das Konzert von seinem Balkon aus.

Signor Antonio ist inzwischen in die Mitte der Straße getreten, er holt tief Luft, und als er zu Nessun dorma! ansetzt, befürchte ich, er würde jeden Moment platzen. Sein ohnehin enormer Leib wölbt sich noch mal so stark. Alles an ihm bebt und vor Anstrengung rinnt ihm Schweiß von der Stirn. Er zieht ein blütenweißes Taschentuch aus seiner flaschengrünen Sommerhose, die von Hosenträgern bis knapp unter dem gewölbten Bauch gehalten wird, und tupft sich, seinem großen Vorbild gleich, bedächtig die Stirn ab.

Mit gewaltiger Stimmkraft, ohne sich auch nur einmal zu verhaspeln, singt er die Arie bis zum letzten Ton. Dann zieht er sich, beide Hände vor sich gestreckt, rückwärts auf seine Straßenseite zurück. Wir, sein Publikum aus der Via Trieste, toben, johlen und klatschen.

Signor Michele stampft einige extra Male mit dem Stock auf und lehnt sich wieder zurück an meine unscheinbare Haustür. „Tocca a te“, „Du bist dran“, fordert er Gateano auf.

 

Dieser lässt sich das nicht zweimal sagen. Nun tritt er in die Mitte der Straße. Sein Bruder Enzo gibt den Einsatz und Gaetano verwandelt sich in Adriano Celentano. Er zuckt ein paar Mal mit den Schultern im Rhythmus zu Enzos Vorgabe, genauso wie Adriano es getan hätte, und die Straße wird von einem leidenschaftlich gesungenen Preghero1 erfüllt. Enzo, der jetzt die Bassgitarre ist, füllt die Textpausen mit einem dunklen Dum, Dum, Dumdumdumdum. Gaetano greift zum imaginären Mikrofon, grätscht die Beine, wiegt und schüttelt seinen Oberkörper, schnippt mit den Fingern, und auch er bringt das Stück voller Inbrunst und mit Bravour bis zum Ende.
Das Publikum ist außer sich. „Bis, bis!“, „>Zugabe, Zugabe!“, rufen wir. Gaetano winkt bescheiden ab und nimmt erneut, unter tosendem Applaus seines Straßenpublikums, auf dem Stuhl vor seiner Werkstatt Platz. Oben auf dem Balkon, der zu Gaetanos Haus gehört, tut sich derweil etwas. Die Rollläden bewegen sich mit einem Quietschen und wie von Geisterhand geführt, nach oben. Dann werden beide Türen aufgestoßen und Rosalbas hübsches Gesicht erscheint auf dem Balkon. „Gateano, Gaeta‘ a tavola!“, „Zu Tisch!“ ruft sie mit durchdringender Stimme nach ihrem Mann und schon ist sie wieder verschwunden. Dies ist für alle, Sänger und Publikum, das Zeichen zum Aufbruch. Die Vorstellung ist beendet. Das Straßentheater leert sich. Es ist Zeit fürs Pranzo, das Mittagessen.
Das schulterfreie Abendkleid ist nun wieder mein Tuch mit dem dicken Knoten vor der Brust. Die Straße sieht aus wie jeden Tag zu dieser Stunde. Sie scheint vor Überhitzung und Müdigkeit zu gähnen. Es ist niemand mehr zu sehen. Die Rollläden der Fenster und Balkone werden einer nach dem anderen, an jedem Haus, herabgelassen.Die Via Trieste beginnt ihren Mittagsschlaf. Ich steige die schmalen, dunklen Stufen hinauf in meine Gute-Laune-Wohnung und schreibe den bereits begonnenen Brief in aller Ruhe zu Ende. Dabei summe ich ganz leise ein Dum Dum, Dumdumdum.

(…) aus Via Trieste. 2009