Nicolaus Kessener

„Schreiben, um Ungehörtes lesbar zu machen.“

nike_n-kessener1 Geboren 1951 in Meppen, seit 1984 in Kochendorf bei Eckernförde mit Frau und sechs Kindern. Seit 2002 Schreibarbeiten für die Eckernförder Kulturzeitschrift „Bernstein“ und Kolumnen für Zeitungen/Zeitschriften wie „Landlust“, „Federwelt“, „Wahnsinnswelten“ oder Anthologien wie „Entzweiungen und Begegnungen“. Im September 2008 Buchveröffentlichung „Augenblicke im Leben“, erschienen im Mohlandverlag.

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Gartenfreund

Copyright: Nicolaus Kessener 2010

DIGITAL CAMERA Ich sitze im Büro mit einem herrlichen Blick auf unseren gepflegten Garten. Draußen sehe ich im Abenddämmerlicht dieses Spätsommertages eine Erhebung aus meinem mit viel Liebe gemähten Rasen erwachsen. Ein Erdbeben? Mitnichten! Ein Gartenfreund, der unter Tage, im Dunkeln seiner Tätigkeit nachgeht und den Boden durchzackert.

„Glück auf“, murmele ich, als mir klar wird, dass er natürlich den Boden, den er besetzt, so schnell und kampflos nicht hergeben wird, springe vom Stuhl auf und zur Türe hinaus. Draußen angekommen sehe ich nichts mehr von den Erdbewegungen des Gartenbulldozers. Ein schöner Haufen krümeliger und schwarzer Erde ziert meinen frisch geschorenen Rasen; vom Urheber keine Spur.

„Lass’ ihn doch. Es ist doch gut, wenn er den Rasen lüftet.“ Meine Frau zeigt Verständnis für den Kumpel, der nur unter Tage zur Hochform aufläuft. Ich mag das nicht, denn es stört mein ästhetisches Empfinden einer gepflegten Gartenanlage und ich sage das deutlich.

„Du mähst doch nur…“ das Ende des Satzes, den meine Frau ausspricht, bleibt in der Luft hängen. Ein Gefühl des Unterlegenseins und Nicht-Verstehen-Werdens beschleicht mich, während ich den Rasen räume. Der Kumpel dagegenbleibt.

Nachts, wenn wir Menschen schlafen, ist er besonders erfolgreich, baut die wunderbarsten städtebaulichen Kunstwerke und ist ein architektonischer Meister. Er baut an Metropolis-Maulwurfshausen und ist sehr fleißig.

Meine Frau zieht ihre Freundin zu Rate, um zu besprechen, wie man den Unter-Tage-Architekten „sanft“ von seinem Vorhaben abbringen kann.

Wir sitzen im Strandkorb und beraten, als unsere Katze den Kumpel im schwarzen Pelz im Maul spazieren trägt. Er mag das nicht und zappelt. Die Frauen schreien auf:

DIGITAL CAMERA „Lilly, lass ihn los.“ Die Katze ist irritiert und lässt den Architekten frei, der sofort das Weite sucht und findet. Wir sehen noch, wie er sich mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Rosenerde bohrt. Jetzt sind die Frauen verärgert und mit dem Aufschrei: „Nein!!“, stürzen sie sich auf den kleinen Racker, bekommen ein Hinterbeinchen zu fassen, dass sie ihm ausrenken, bevor er im Blumenbeet abtaucht.

Die Katze hat dem Treiben verständnislos zugesehen und denkt sich ihr Teil.

Am nächsten Morgen hat Pauli zum Dank, dass die Frauen ihm das Leben gerettet haben, einen großen Haufen gebaut. Seine Aufwürfe gemahnen an die Iglus der Inuit; Kunstwerke, wahre Kunstwerke und sehr groß für einen kleinen Maulwurf.

Erst bin ich beeindruckt, dann sauer. Er soll meinen schönen Rasen in Ruhe lassen! Überall Hügel! Pauli kommt der Idee eines gigantischen Maulwurfshausen sehr nahe; sogar mit ausgerenktem Hinterlauf. Ich muss etwas unternehmen!

Die Falle ist schnell aus dem Schuppen geholt, aber sie ist verrostet und überdies ist es verboten, sogar von Rechts wegen, diese Dinger zu benutzen. Nein, beruhige ich mich; diese Fallen funktionieren in verrostetem Zustand ja gar nicht und befördern Pauli natürlich nicht in den Maulwurfshimmel. Irgendwie will mir meine Theorie nicht recht einleuchten und ich suche nach Alternativen.

Als ich mich umdrehe, hat Pauli wieder einen Hügel geworfen; er will Rom nachbauen, denn jetzt sind es sieben Hügel! Ich kann ihm meinen Respekt für diese Leistung kaum versagen, andererseits steigt meine Wut über diese Art von unkontrollierter Bautätigkeit in meinem Garten. Er baut ohne eine Genehmigung bei mir eingeholt zu haben. Also doch die unwirksame und rostige Falle?

Meine Frau beruhigt mich:

„Weißt du eigentlich, dass Manfred (unser Nachbar) Reikimeister ist? Hast du in seinem Garten schon einmal Maulwurfshaufen gesehen?“ Eine dunkle Andeutung über esotörichte Machenschaften in der Nachbarschaft? Mögen Maulwürfe kein Reiki?

„Er zeigt dem Maulwurf über der Erde die Falle und spricht dann mit ihm; bittet ihn, doch anderswo seine Hügel zu werfen.“ Aha, Manfred ist also der Übeltäter! Er hat Pauli überredet, sich bei mir breit zu machen.

„Glaubst du, ich kann das auch? Mit dem Überreden, meine ich…“ Meine Frau schaut mich abschätzend an und lächelt.

„Ein Versuch schadet doch nicht.“ Da hat sie Recht. Also nehme ich die Falle und nähere mich Metropolis.

„Siehst du das, du netter Pauli“, frage ich den Kumpel und male das Gras und die im Boden lebenden Larven und Würmer in Herberts Garten in leuchtenden Farben aus. Herbert ist unser Nachbar auf der anderen Seite. Ich steigere mich in die herrlichsten Beschreibungen des langweiligen Gartens und spüre, dass ich beobachtet werde. Hört Pauli etwa zu?

„Wat soll der Pauli in meinem Garten machen?“, fragt die nicht eben freundliche Stimme Herberts.

„Ich geb’ dir gleich: schöne, fette Maden in seinem Kompost! Nix drin als nur Natur!“ Herbert ist echt beleidigt und findet es anscheinend überhaupt nicht merkwürdig, dass ich einen Maulwurf überreden will, seine Wühlerei bei ihm fortzusetzen. Ich glaube, er kann auch Reiki.

In der Nacht, es ist Vollmond, stehe ich um Mitternacht auf und schreite dreimal um die kleine, aus 9 Hügeln bestehende, aufstrebende Metropole herum.

„Geh’ rüber zu Herbert, dort sind die Maden fetter und die Würmer zarter, der Herbert ist viel netter und nicht so ein Harter…wie ich „, telepathiere ich Pauli nach unten, die letzten Worte spreche ich laut und deutlich aus, spucke dreimal über die linke Schulter und fühle mich erleichtert: Ich habe alles getan, was ein Mann tun kann!

Am nächsten Morgen strebt Metropolis einem neuen Ziel entgegen. 11 Hügel zählt die Stadt jetzt und ich gehe in den Baumarkt; ich will Fallen kaufen.

„Nein, tut mir Leid, aber Maulwurfsfallen verkaufen wir nicht. Maulwürfe sind bedrohte Lebewesen und schützenswert. Man darf sie nicht bejagen.“ Statt „Roter Liste“ sehe ich rote Sterne vor Zorn und sehe meine Arbeit, die ich mähend in unseren wunderbaren Garten investiert habe als nicht schützenswert an und bin entsprechend geladen.

In den größten Hügel setze ich die verrostete Falle, die leider ohnehin nicht funktioniert und noch von einem Flohmarktbesuch anno 1982 übrig geblieben war. Das waren noch Zeiten! Wunderbar gepflegte Rasenanlagen ohne einen einzigen störenden Maulwurfshügel…

Ich fühle mich nicht gut: Immerhin trachte ich einem fleißigen und ehrbaren Kumpel nach dem Leben. Fleißig ist er, macht keinen Lärm und ist gehandicapt. Ich jage einen behinderten Maulwurf. Das ist unfair! Eines echten Jägers nicht würdig!

Ich gehe in den Garten: 5 der 11 Hügel sind vergrößert und am Rand baut Pauli jetzt seine Vorstadt: 5 kleinere Hügel sind dazu gekommen. Der größte Hügel, in den ich mit schlechtem Gewissen eine verrostete Falle einsetzte, ist wiederum größer geworden; die Falle hat sich traurig zur Seite geneigt, als ziehe sie den Hut vor dem Meister im schwarzen Pelz. Ich bin jetzt sehr wütend und werde sehr laut:

„Hörst du mich, du Maulwurf? Ich kriege dich! Ich reiße dir das Fell über die Ohren, wenn du nicht zu Herbert hinüberziehst! Ich reiße dich in Stücke und verfüttere dich an die Katze!“ Vor unserer Hecke stehen etwa zehn Damen und zwei Jungen, beobachten mich missbilligend. Das wäre noch auszuhalten, aber meine Frau und meine beiden Söhne sehen mich auch mit diesem leidenden, stummen Vorwurf an. Sie mögen nicht, dass ich Pauli beschimpfe, aber der darf unbehelligt meinen Rasen verwüsten?

Am Nächsten Morgen liegt Pauli auf einem seiner Hügel auf dem Rücken und hat vier Beine von sich gestreckt. Ich rätsele über die Todesursache: Erschöpfung? Altersschwäche? Während ich der Katze Futter in ihren Napf fülle, meine ich zu bemerken, wie sie mir ein Auge zukneift. Hat sie etwa?…

Sie bekommt eine Extraportion von mir…

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Dr. vet Lauritz Raulitz

Als übertrieben tierlieb kann man mich nicht bezeichnen. Hunde und Katzen finde ich durchaus ok, solange sie in anderer Leute Garten ihre Notdurft verrichten und mich auch sonst nicht belästigen etwa beim Joggen im Wald.
„Der tut nichts, der will nur spielen…“, ich kann diesen Spruch nicht mehr hören, denn bei meinen Begegnungen mit diesen lieben Tieren verbirgt sich meistens eine zwangsneurotische, tollwütige Bestie hinter „Dertutnix“. Auf meine Bitte, ihren Hund doch an die Leine zu nehmen, reagieren die Hundebesitzer erstaunt, beleidigt oder überhören meine Bitte. Wenn ich die knurrenden und sabbernden Viecher an meinen Hosenbeinen hängen habe, lassen die Hundebesitzer unweigerlich den Spruch los:
„Ach sowas….das hat er noch nie gemacht!“
Meine Nichten und Neffen dagegen mag ich; sie wehren sich gegen allerlei pädagogische Bemühungen in ihrer Umgebung und ihrer Eltern, die ich auch hin und wieder merkwürdig finde und habe mit ihnen einen Pakt geschlossen: Sie lassen mich an ihrem Leben teilhaben und ich mache keine pädagogischen Übungen mit ihnen. Das klappt hervorragend und natürlich freue ich mich, dass ich meine Nichten und Neffen wieder bei ihren Eltern, meinem Bruder und seine Frau, abladen kann, wenn wir genug getobt haben.

Im Sommer fiel meinem Bruder ein, dass er seinem Ökotrieb unbedingt frönen müsse: er baute eine Solarheizung, wir grillten nur noch mit ökologisch einwandfrei hergestellter Holzkohle –was übrigens dem Geschmack des Grillgutes nichts Nachteiliges anhaben konnte- und er schaffte sich Hühner an, damit meine Nichten und Neffen das „wahre“ Landleben miterleben können.
Dafür baute er einen Hühnerstall, der es in sich hatte: Infrarotbeleuchtung, damit die Hühner es schön muckelig warm haben, eine Eingangstür, auf der „Für Füchse verboten“ steht und handgeformte Strohnester für das ungestörte Eierlegen im Wellnessbereich. Ein wahres Hühnerparadies, das die 7 braunen Leghorns aber nicht so recht zu würdigen wussten. Sie büchsten schon einmal aus, scharrten in Nachbars Garten, wo seine liebevoll angepflanzten Salatsetzlinge den scharrenden Hühnern zum Opfer fielen.
Als nun vor einer Woche ein Huhn mit hängenden Flügeln –ich glaube es war „Brilla“- im Stall herumstand, von den anderen Genossinen (einen Hahn gibt es nicht) heftig gemobbt wurde, bat mich mein Bruder, mit Brilla doch zum Tierarzt zu gehen.
„Bist du nicht bei Trost? Weißt du eigentlich, wie lächerlich das ist? Warum machst du es nicht selbst?“
„Ich muss noch die Zeichnung fürs Büro fertig machen. Es ist dringend nötig, dass ich das persönlich mache. Bitte, geh‘ für mich mit dem Huhn zum Arzt. Deine Nichten und Neffen sind schon ganz traurig…“
Mit dem Hinweis auf meine traurigen Nichten und Neffen hatte er meine weiche Stelle erwischt und ich machte mich leise murrend auf den Weg zu Dr. vet Lauritz Raulitz. Der Name ließ Einiges vermuten und ich machte mich mit Huhn Brilla im umweltfreundlichen Karton auf den Weg zu ihm.
In der Praxis hieß mich eine leicht schielende, dafür aber unfreundliche Helferin mein Anliegen mit dem flügellahmen Huhn vortragen, sah mich einige Sekunden wortlos an, in denen ich deutlich die Gedanken, die sie sich zu meinem Vortrag machte, in ihrem feixenden Gesicht ablesen konnte; es war wenig wertschätzend. Ich solle bitte im Wartezimmer Platz nehmen, der Herr Dr. würde mich dann rufen.
Im Wartezimmer fühlte ich mich vom ersten Augenblick meines Eintretens fehl am Platze. Eine junge Frau schlichten Gemüts saß in der Nähe des Eingangs und hatte es geschafft, einen riesigen, dickbauchigen Kater in einen Käfig zu stopfen, der viel zu klein für das wohlgenährte Tier war. Das Ensemble sah aus, als seien die Gitterstäbe das Korsett des Tieres. Da mir nichts anderes einfiel zu sagen, sie mich aber auffordernd ansah, bemühte ich mich mit einem:
„Boa, ist das aber ein fetter Kater“, um eine halbwegs ehrliche und zugewandte Anrede. Es einte uns ja alle der Wunsch, dass es unseren Tieren nach der profunden Behandlung des Dr. Lauritz Raulitz wieder besser gehen würde, also auch der Kater aus seinem als Käfig getarnten Korsett entfernt und geheilt werden würde.
„Ich füttere ihn auch nicht alleine; der holt sich überall etwas und frisst alles, was man ihm gibt.“
Ich setzte mich etwas entfernt von der jungen Dame auf einen Stuhl, als sie mich fragte:
„Was hast du denn in dem Karton?“
Die Augen der Anwesenden richteten sich auf mich und ich wusste in diesem Moment, dass ich zum letzten Male hier bei Dr. vet Lauritz Raulitz war! Das schwor ich mir hoch und heilig.
„Ein Huhn“.
„…..??????“
„Es lässt die Flügel hängen… es hat wahrscheinlich etwas Falsches gefressen…Hühnerbips oder so…“ Ich ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen. Die anderen Beisitzer im Warteraum starrten mich auch nur für kurze Zeit an, denn meine Stuhlnachbarin, eine ältere Dame mit einem ältlichen, hechelndem Mops auf dem Schoß meldete sich erfreut zu Wort, da es jetzt so schön still war:
„Ich lasse vom Doktor meinem Fritz die Analdrüse ausdrücken. Wissen Sie, er hat so Problem mit seinem Geschäftmachen. Aber der Doktor ist da ganz toll und hilft ihm immer. Da reicht eine Behandlung für eine Woche und Fritz ist dann immer sehr erleichtert.“ Sie sah mich auffordernd an, doch etwas Mitleidiges zum Problem des Mopses beizutragen und ich ließ meiner Rührung mit dem Satz: „Oh ja,…hmmm, schlimm“, nur bedingt freien Lauf. Eigentlich wollte ich von den tierischen Krankheiten gar nichts wissen, als ein neuer Patient, eine Schildkröte auf dem Arm ihres Besitzers, das Wartezimmer betrat, sich umsah, den Kopf beim Anblick des Käfigkaters erschreckt zurückzog und seinen Besitzer laut ausrufen ließ:
„Boh, was für ein fetter Kater!“ Die junge Besitzerin erklärte erneut und durchaus routiniert, dass alle Nachbarn den Kater füttern würden usw.
„Was hat denn deine Schildkröte?“ Ich war froh, aus dem Schussfeld des Interesses geraten zu sein, atmete einmal tief durch und erwartete die Antwort der Schildkröte, respektive ihres Besitzers.
„Sie ist schwanger.“ Die Antwort verblüffte nicht nur mich; auch die anderen Tierbesitzer schauten irritiert den Schildkrötenmann an, der sich nichts anmerken ließ.
„Schwanger…?“ Die junge Dame ließ nicht locker.
„Ja, schwanger!“, bekräftigte der Besitzer und die Sache war für ihn ausgestanden. Die junge Dame wandte sich dem hechelnden Mops zu und fragte erstaunt:
„Geht das denn?“
Der Mops wusste keine Antwort, aber seine Besitzerin bejahte eifrig und setzte:
„Das hält aber immer nur für eine Woche, dann muss ich wieder herkommen.“, hinzu, als eine weitere Patientin das Wartezimmer betrat.
In einem kleinen, durchsichtigen Terrarium konnten wir eine handtellergroße Vogelspinne sehen, die einen lebhaften Eindruck machte.
„Wow, ist das aber mal ein fetter Kater!“ rief die Besitzerin aus, woraufhin die junge Dame ihren Text über den fremd- und überallfressenden Kater abspulte.
Jetzt betrat Dr. vet Lauritz Raulitz den Warteraum und rief mich auf, ihm zu folgen.
Mühsam riss ich mich vom Anblick des Katers los und folgte dem Doc ins Behandlungszimmer. Als ich ihm mein Begehren geschildert hatte, schaute er mich an, zuckte mit den Achseln und bat mich, das Huhn gut festzuhalten.
Dann stocherte er mit einem langen und dünnen Stück Holz in ihrem Schlund herum und zauberte eine übel riechende, grünlich schleimige Paste aus ihrem Kropf, wedelte sie vor seiner Nase hin und her und roch daran wie an einem seltenen, französischen Rotwein. Der Gestank des Schleimes ließ meine Magennerven rebellisch werden, während der Doc immer weiter roch und schnüffelte.
„Tja…hmmm…also ich glaube ich weiß, was es ist.“ Erneut schnupperte er und wedelte sich mit dem Schleimpfropfen jetzt zu.
„Also, ich gebe ihnen hier etwas, das sie dem Huhn verabreichen müssen. Wenn sie das Tier essen wollen, müssen sie aber wenigstens drei Wochen warten, weil diese Medikamente ein echter Hammer sind.“ Wäre ich zu ihm gegangen, wenn ich das Tier hätte essen wollen?
Er entließ mich aus seinem Behandlungszimmer, legte eine mit Blut besudelte Plastikschürze an, die ihm ein wenig vertrauensvolles Aussehen verlieh und betrat das Wartezimmer.
„Wow, ist das aber mal ein fetter Kater!“, war das letzte, was ich hörte, als ich die Praxis verließ.

…dem Huhn Brilla geht es besser. Nachdem es zunächst ins Gästezimmer meines Bruders einzog, verlebte es anschließend einige Tage unter einer speziellen Rotlichtlampe im wohnlich hergerichteten Bügelzimmer. Nur das Wiedereingliedern in den sozialen Verband der außenwohnenden Leghorns verlief nicht ohne Komplikationen. Durch das „Hammermedikament“ gestählt, eroberte Brilla die Führung in der Mädchentruppe und ich habe den Eindruck, dass sie jedes Mal schrill gackert, wenn ich mich dem Stall nähere…

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Gewitter

Ich konnte es sehen, fühlen und auch riechen. Ja, ehrlich, ich konnte es riechen. Ein leicht öliger Geruch, gemischt mit saurer, vergorener Milch. Es war schon viel früher da und ich bemerkte es zu spät. Sicher lauerte es schon seit vielen Stunden und wartete auf den günstigsten Moment, sich zu zeigen.

Warum ich? Ich bin eine rechtschaffene Frau, 45 Jahre alt… na gut, ich bin 49 Jahre alt und sehe ganz gut aus für mein Alter. Keiner gibt mir 49 Jahre, wissen Sie? Alle die ich kenne sagen, dass ich jünger aussehe.

Meine Kinder sind 19 und 20 Jahre alt; beide haben Abitur gemacht und studieren jetzt in Tübingen Biologie der ältere und in Kiel Meeresbiologie der jüngere. Sie rufen mich immer drei Mal in der Woche an und erzählen von ihrem Studium, ihren Plänen. Wir lachen dann oft am Telefon und freuen uns, dass es allen gut geht.

Mein Mann ist schon vor 15 Jahren gegangen. Sie kennen das bestimmt: „Liebling, ich gehe Zigaretten holen“, sagte er und ging. Er nahm seinen Mantel vom Haken und trat hinaus in die Dunkelheit. Kein Zurückschauen und keinerlei Gewissensbisse. Ich folgte ihm unauffällig und sah sie bereits auf ihn warten an der Ecke zur Eckernförder Sparkasse. Einen Mantel trug sie, wie er und sie umfasste sofort seine Schultern, küsste ihn und zog ihn weiter, nur weg von seinem Zuhause.

Ich hatte es ja geahnt und war nicht einmal überrascht! Dass ich damals so ruhig und überlegt bleiben konnte, hatte wohl seinen Grund darin, dass ich mich um die Kinder zu sorgen hatte; keine Ausflüchte und kein Zagen! Ich kümmerte mich um die beiden Jungs und ersetzte ihnen den Vater, den sie von Stund an nicht mehr hatten.

Konnte ich etwas dafür, dass er gegangen war? Hatte ich ihm nicht alles geboten, was er sich nur wünschen konnte? Immer gab es ein gutes Essen, pünktlich stand es auf dem Tisch und ich versuchte stets, seine Lieblingsessen zu bereiten. Knödel, Kartoffelsalat und Nudeln, Penne mit Rinderbraten gab es sonntags.

Ich hielt die Wohnung sauber und machte es ihm recht, so gut ich konnte.

Ach, Schwamm drüber; das hat sicher nichts damit zu tun, dass es jetzt hier in meinem Schlafzimmer hinter dem Vorhang sitzt und mich einschüchtern will: einschüchtern! Es will mich einschüchtern! Aber das schafft es nicht, auch wenn es nach saurer Milch riecht und auch sonst so tut, als wäre es schon viel länger da und würde auf mich warten. Vielleicht ist es auch eben erst gekommen? Hat sich hineingeschlichen, als ich mit Gottfried telefonierte. Gottfried ist mein Ältester, der jüngere heißt Ernst-Günter. Gottfried sagte mir etwas am Telefon, das mir nicht gefiel; er hat jetzt eine Freundin, sie studiert auch Biologie und ist in einer Fachschaft. Ich weiß nicht was das ist, aber Gottfried meint, dass sie politisch aktiv ist und er sich auch Gedanken um die Zukunft macht. Er möchte ein Semester aussetzten und in Australien studieren; dort gäbe es noch so viel zu erforschen und er könnte es sich gut vorstellen dort.

Australien, so weit fort! Ich habe ihm gesagt, dass er hierbleiben soll und wie bisher jedes Wochenende nach Hause kommen, aber er will nicht. Das hat SIE ihm eingeflüstert; sie will ihn für sich. Und jetzt sitzt dieses, dieses Ding hier und verbreitet einen üblen Geruch, nervt und bringt mich doch ein wenig ins Schwitzen. Nur ein wenig, verstehen Sie? Nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten, Sie und ich meine ich. Riechen Sie es auch? Es ist doch vergorene Milch oder? Und spüren sie es auch? Ich meine: Spüren Sie es so deutlich wie ich?

Als mein Mann noch da war, saß er meistens im Ohrensessel im Wohnzimmer und sah fern oder las die Zeitung. Wissen Sie, wir unterhielten uns nicht besonders viel. Ich wusste aber immer, wo er war, denn ich spürte das! Wenn ich in der Küche noch aufräumte und er im Wohnzimmer saß, wusste ich, dass er im Ohrensessel sitzt und die Zeitung liest. Ich wusste das, ohne dass ich nachsehen musste, ich wusste es einfach!

Und genau dieses Wissen ist jetzt auch da: ich weiß einfach, dass es da ist und lauert! Es wartet, bis ich einen Fehler mache und dann packt es mich. So lange ich noch wach bin, kann es mich nicht unbemerkt überrumpeln, aber wenn ich nachlässig werde, dann schnappt es zu. Ich werde das verhindern, bestimmt werde ich das!

Meinem Gottfried habe ich auch gesagt, er soll erst einmal am Wochenende nach Hause kommen; dann sehen wir weiter. Aber er will nicht; dieses Mädchen, diese politische, sie setzt ihm Flausen in den Kopf. Er ist doch viel zu jung dafür! Ich werde sie mir einmal vornehmen müssen. Aber zuerst muss ich mich hier konzentrieren.

Da, der Vorhang bewegt sich und ich glaube, es hat ein Messer; es blitzte doch eben dort aus der Ecke oder?

Bei Gewitter hatte ich immer Angst. Als mein Mann in die Dunkelheit hinaustrat vor 15 Jahren, tobte auch gerade ein Gewitter und es war schwül. Ich folgte den beiden, als ein entsetzliches Donnern über uns hereinbrach, Der Regen wollte noch nicht einsetzen, aber das Gewitter wurde heftiger. So konnte ich sehen, dass sie schneller liefen. Sie kamen an dem Juwelierladen von Jacobsen vorbei, als ich schon ganz dicht hinter ihnen war. Bernhard drehte sich um und sah mich erschreckt an. Zu spät, dachte ich nur, zu spät.

Soll ich mich bewaffnen, damit ich vorbereitet bin, wenn es mich überfallen will? Ich glaube, wenn ich mich jetzt von hier weg bewege, dann packt es mich; darauf hat es ja nur gewartet. Also muss ich auf der Hut sein und mich sehr gut konzentrieren. Wenn etwas geschieht, dann kann ich schnell und kräftig handeln! Oh ja, das kann ich! Mein Mann hatte es auch erfahren müssen bei Juwelier Jacobsen. Das große Messer, das er am Tag vorher hatte schärfen lassen, war in meiner Hand und stach von ganz alleine zu. Ein Donner betäubte meine Ohren und niemand im Umkreis hörte die Schreie, weil sich die Donnerschläge in der engen Kieler Straße gefangen hatten und von einer Häuserseite zur anderen brandeten. Seine Freundin sagte nichts, stand starr vor Schreck und das Messer, dieses wunderbare Messer mit der scharfen Klinge tat seinen Dienst ohne mein Zutun. Das müssen sie mir glauben! Sie glauben mir doch? Es glitt immer wieder in den Bauch der Frau als sie schreien wollte, ….

Da, jetzt hat es sich bewegt! Ich rieche jetzt, dass es in der anderen Ecke sitzt. Wie ist es dorthin gelangt? Habe ich nicht aufgepasst? Mein Messer? Nein, es ist nicht da; ich habe es in der Küche liegen lassen, nachdem ich mit Gottfried gesprochen hatte.

Als ich damals mit dem Messer nach Hause ging, die Wohnung aufschloss und mit dem mit roten Tupfen übersäten Mantel in die Diele trat, hörte ich es auch. Damals riet es mir, alle Sachen sofort zu verstecken um sie anschließend zu verbrennen. Im Keller meines Nachbarn Petersen legte ich die Sachen ab, badete ausgiebig, obwohl es schon sehr spät war und ging dann ins Bett. Gegen 2.00 Uhr morgens weckte mich die Polizei um mir mitzuteilen, dass mein Mann offenbar von Drogenjunkies ermordet worden war. Anders könne man sich die ungeheure Brutalität nicht erklären; auch dass er seine Papiere bei sich hatte, war ungewöhnlich.

Jetzt, haben sie es bemerkt? Jetzt ist es wieder hinübergehuscht; dort drüben, unter den Tisch. Ich sehe die funkelnden Augen und es schimmert etwas im Licht der Straßenlaterne. Hat es etwas in der Hand? Sieht aus wie ein Messer und ich rieche es, sehe es und kann seine bösen Gedanken lesen. Es will mich vernichten! Aber ich weiß mich zu wehren, komm nur her. Sehen Sie? Es traut sich tatsächlich aus der Deckung des Tisches und : es hat das Messer! Na, dann komm und ich zeige dir, wie ich mich wehren kann,…

„Grauenhaft; sie hat es selbst gemacht, oder? Sie hat sich selbst mit dem scharfen Messer so übel zugerichtet.“

Kommissar Tammen war blass und sein Assistent hielt sich am Türrahmen fest, blutleer das Gesicht.

„Warum denn nur?“ fragte er stammelnd.

„Wenn der Sohn nicht angerufen hätte, dass er sich Sorgen um seine Mutter macht, hätten wir es nicht so schnell bemerkt. Gut, dass die Kollegen von der Streife gleich vorbei gefahren sind.“

„Und ihr Mann? Hat der nichts damit zu tun? Sind Sie da ganz sicher?“ Zweifelnd wandte sich Assistent Schilbach an den Herrn Kommissar.

„Ganz sicher! Er lebt seit 15 Jahren in Tübingen, hat sich damals bei Nacht und einem schweren Gewitter mit seiner Freundin abgesetzt, weil er ihre ständigen Bevormundungen und Selbstgespräche nicht mehr ertragen hat. So viel haben die Söhne erklärt; sie stehen in ständigem Kontakt zum Vater. Er war zur Tatzeit 800 Kilometer entfernt von hier und kann es nicht gewesen sein. Sie muss einfach den Verstand verloren haben.“

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Männer

Der morgendliche Weg zur Arbeit verläuft für uns alle ja irgendwie ähnlich: sind wir gut drauf, fließt der Verkehr schneller und geschmeidiger als sonst, wir kommen eher ans Ziel, sind weniger gestresst und die Kolleginnen und Kollegen nerven nicht, der Chef schon gleich gar nicht.

Sind wir aber schlecht drauf, haben schlecht geschlafen schon Krach am Morgen mit unserem Partner, dann dauert die Fahrt zur Arbeit mal wieder zu lange, die Ampeln sind falsch geschaltet, es sind nur unfähige Mit-Zur-Arbeit-Fahrer unterwegs und wir bekommen die schlimmsten von ihnen ab. Die Kollegen sind miesepampelig und der Chef hat eine Laune, dass der Tag schon am Morgen gelaufen ist…

Kennen wir alle!

Auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit durch die engen und kurvenreichen Straßen Angelns geht es mir ebenso: Vorbereitung auf den kommenden Arbeitstag, was wird mich wohl erwarten? Bin ich gut gerüstet? Währenddessen fahre ich konzentriert und aufmerksam auf den Straßen.

Männern wird ja oft vorgeworfen, dass sie nicht mit zwei Tätigkeiten gleichzeitig belastet werden dürfen, weil sie dann unausweichlich die Orientierung verlieren: Gleichzeitig den Rasen zu mähen, mit dem besten Freund zu telefonieren und die Einkaufsliste für den Grillabend vorzubereiten sind für Frauen tägliches Einerlei, während Mann entweder abstrakte Figuren in den Zierrasen mäht, weil er von seinem Freund hört, dass Christian Ronaldo für 93 Mio Euro nach Madrid verkauft wird und ihn diese Summe vollkommen überrascht und er über die Grundstücksgrenze hinaus auch den Rasen des Nachbars mäht, während er überlegt, wie viele Würstchen und wie viel Bier zum Grillabend und wo zu besorgen sind… würde einer Frau nie passieren: sie erteilt klare Aufträge:

Erst Rasen mähen, vergiss‘ nicht, den Rasenmäher abzubürsten und sauber zu machen, dann kommst du rein, ich habe noch einen Auftrag für dich. Sie ist klug und erteilt den Folgeauftrag nicht sofort, denn sonst ist beim Nachbarn gemäht, aber nicht im eigenen Garten…

Also, ich kann gleichzeitig auf dem Weg zur Arbeit meinen Arbeitstag planen, auf die Straße achten und bekomme auch noch die Schönheiten der angelitischen Landschaft mit…wenn ich nicht gerade unachtsam war und einem Trecker oder wild knatternden Moped ausweichen muss.

Dann also die Lindaunisbrücke; jeden Morgen ein Ärgernis, wenn ich schlecht drauf bin; ansonsten eine wunderbarer Ausblick auf die träge sich verteilende Schlei. Anschließend landschaftlich erfreuliches Fahren über Hestoft und Ulsnis, abbiegen bei Affegünt und ab nach Kiesby. Auf dieser Strecke, einer kleinen Landstraße unterster Ordnungskategorie, ist immer etwas los. Sie wird von den Schülern als Rennstrecke für aufgebohrte Roller benutzt, von frühmorgendlichen Spaziergängern mit Hunden und auch Jogger mit Knöpfen im Ohr verirren sich hin und wieder auf die Straße.

Nach einer nicht ungefährlichen, weil schlecht einsehbaren und in einer Senke gelegenen Kurve steht unter einer weit ausladenden Eiche eine rustikale Bank, gestiftet von den Mohrirchener Lerchen, einem gemischten Chor, wie ich bei einem Stopp einmal auf dem groß auf der Bank angebrachten Schild lesen konnte.

Hier muss ich mich auf den Straßenverlauf konzentrieren, denn auch Rehe kreuzen hier hin und wieder unmotiviert.

Als im September letzten Jahres die Schule wieder begann, saß auf dieser Bank ein Mann, dem ich zunächst keine weitere Beachtung schenkte; ich kannte ihn nicht und er erwiderte auch meinen Gruß nicht.

Am nächsten Morgen saß er wieder dort, auf der Mohrkirchener Lerchenchorbank; ich erkannte ihn nicht sofort wieder, denn er trug jetzt andere Hosen und einen Pullover, aber an der Haltung meinte ich, ihn wiedererkannt zu haben.

So ging es den ganzen September lang; ich sah morgens den Unbekannten auf der Bank sitzen: er schien an nichts Weltbewegendes zu denken und schaute in die Landschaft. Auf mein freundliches Grüßen, Winken mit der Hand oder Kopfnicken reagierte er nicht.

Im Oktober begann ich, schon vor Antritt meiner Fahrt zu überlegen, was er wohl heute tragen würde: wieder das karierte Hemd? Regenjacke mit Pudelmütze? Stiefel oder Turnschuhe? Er war mir vertraut geworden und ich gab ihm den Namen Eduard; Eduard passte zu ihm fand ich. Ist er wohl verheiratet und hat er Kinder? Enkelkinder? Wie alt ist Eduard? Spricht er deutsch? Er sieht jedenfalls aus, wie ein Mann aus der hiesigen Gegend: Mitte 30 oder 40, aufrecht sitzend, mit markanten Gesichtszügen und einem leicht abwesenden Gesichtsausdruck, der manchmal durch das Tragen einer Sonnenbrille verdeckt war.

Auch wenn es regnete: Eduard saß dort.

Ende Oktober begann Eduard, mich hinter der Bank stehend und auf die Rückenlehne aufgestützt, zu erwarten. Diese Veränderung nahm ich sehr wohl war, auch, dass er mich immer noch nicht grüßte, obwohl ich jetzt jeden Morgen hupend und winkend an ihm vorbei fuhr.

Eduard und seine 4 Kinder, seine liebevolle Ehefrau Klarabella, die ihn schon früh aus dem Haus schickte, damit sie in Ruhe den Haushalt machen konnte, während er sich meditierend auf seinen Arbeitstag vorbereitete, waren ein Teil meines Lebens geworden. Ich brauchte Eddi zum Tagesbeginn: er strahlte etwas Verlässliches und Besonnenes aus; ich fühlte auch, dass wir Brüder im Geiste waren. Wie sonst waren die freundschaftlichen Gefühle für ihn zu erklären?

Die Familienverhältnisse, die ich ihm in Gedanken verpasste, konnte ich natürlich nicht recherchieren, aber ich war mir sicher: so musste es sein: verheiratet, 4 Kinder vielleicht hatten sie auch eine Katze? Einen Hund jedenfalls nicht, denn den hätte die umsichtige Klarabella mit Eduard zusammen aus dem Haus geschickt; wäre ja ein Aufwaschen gewesen.

Mittlerweile hatte ich das Gefühl, dass Eduard mein fröhliches Hupen und Winken mit einem freundlichen, vorsichtigen Zurückwinken quittierte: er hatte angebissen und bemerkt, dass auch ich morgens regelmäßig hier vorbeikam und uns ein unsichtbares, freundschaftliches Band zusammenhielt.

Anfang November gab es einen schönen Herbstausklang und jetzt stand auch Klarabella häufig neben ihrem Eduard, redete freundlich mit ihm und winkte zurück, wenn ich hupend vorbeifuhr. Mir war das nicht so recht, denn ich glaubte, Eduard bräuchte seine morgendliche Ruhe in der Natur und war nicht so besonders von ihrer Begleitung begeistert. Sie sollte ihm ruhig seine Ruhe lassen! Als Abteilungs- und Kundendienstleiter im Baumarkt Süderbrarup, zuständig für die Holzabteilung, hatte er genug zu tun. Genervte und überforderte Heimwerker bedrängten ihn täglich und der Umgang mit den Kunden stresste ihn bestimmt, dachte ich. Er brauchte seine morgendliche, Kurven-und-Bank-Meditation…und war erfreut, mich als einen ruhigen ständig wiederkehrenden Teil seines Lebens zu begrüßen.

Ich fand mich in der Zeit ausgeglichener in der Schule, konnte mich leichter auf die unterschiedlichen Situationen einlassen und glaubte, souveräner zu reagieren. Das führte ich eindeutig auf die morgendliche Begegnung mit Eddi zurück, dem ich mittlerweile meine Sorgen telepathisch übermittelte und als feedback seine Absolution und sein grenzenloses Verständnis spürte; eine schöne Männerfreundschaft! Wir verstanden uns ohne viele Worte und unsere Ehefrauen hätten bestimmt auch Gefallen aneinander gefunden. Es wurde Zeit: ich wollte ihn jetzt einmal zu mir einladen.

An einem sonnigen Donnerstag im November fuhr ich dann rechts an den Straßenrand, schaute mich um und ging hinüber zu Eduard und seiner Klarabella, die mir freundlich entgegen lächelte. Mein Freund war zurückhaltender und versteckte sich hinter der Sonnenbrille; sein Gesichtsausdruck war unergründlich. Ich kam näher, als Klarabella mich ansprach:

„Guten Morgen! Schön, dass Sie endlich einmal anhalten. Wir bauen unser Experiment morgen ab und werden unsere Puppe hier wieder in den Fundus zurückbringen. Es haben während der zweieinhalb Monate insgesamt 15 Männer den Weg zu Karlchen und mir gefunden.“

Mein Gesichtsausdruck muss mein völliges Unverständnis und meine Ratlosigkeit nicht besonders gut wider gegeben haben, denn Klarabella sprach weiter: „Ach entschuldigen Sie bitte: Freudenberg, Erika Freudenberg, ich bin Künstlerin und beschäftige mich Reaktionen von Menschen auf Kunstobjekte. Die Schaufensterpuppe Karlchen haben wir Anfang September hier aufgebaut und wollten sehen, wie die Menschen eine Schaufensterpuppe in einer völlig anderen Umgebung annehmen, auf sie reagieren. Sie haben unser Team beeindruckt, weil sie gleich herausgefunden hatten, was wir hier machen und uns sogar freundlich jeden Morgen begrüßt mit Winken und Hupen. Da sind Sie auch der einzige gewesen; die meisten Menschen gehen oder fahren hier kopfschüttelnd oder wegschauend vorbei…

Unsere Ausstellung wird in Schloss Gottorf im nächsten Jahr zu sehen sein. Wir zeigen dann auch kleine Filme von den Menschen und ihren Reaktionen auf Karlchen. Wir haben Sie natürlich auch gefilmt und möchten ihre Reaktion gerne zeigen; sind Sie damit einverstanden? „

Copyright © Nicolaus Kessener 2010
 
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Weißdorn und Linde

Nike Kessener Haus alt „Büss du een Magier?“ fragte Anna schüchtern. Der fremde Mann war es schon gewohnt, betrachtet und angestarrt zu werden und machte sich nicht viel daraus. Im Jahr 1897 war es ungewöhnlich, wenn Männer mit Hand- oder kleinen Pferdewagen durch die Dörfer tingelten und Fotografien, Medizinische Wundermittel und allerlei Haushaltsgeräte zum Verkauf anboten. Ein „Höker“ war ein Händler, der Dinge des täglichen Lebens zum Verkauf in die entlegenen Winkel Schleswig Holsteins brachte.

Mit ihren 14 Jahren war Anna die älteste der drei Geschwister und musste stets auf Johanna aufpassen, ihre 6jährige Schwester. Johanna war ihr besonders ans Herz gewachsen, auch wenn sie von Vaters zweiter Frau, Magdalena war. Anna war 7 Jahre alt gewesen, als ihre Mutter starb; Keuchhusten und keine Medizin. Der Doktor konnte nicht kommen, weil im Winter die Wege so verschneit waren und von Eckernförde kein Pferde- oder Ochsenfuhrwerk Richtung Kochendorf fahren wollte.

Ihr Vater Cornelius hatte sich verzweifelt auf den Weg gemacht, Hilfe zu holen, blieb aber in den Schneewehen rund ums Windebyer Noor stecken. Auch die anderen Wege nach Eckernförde waren ihm versperrt. Selbst durch den Schnaaper Wald, über die Wassermühle, gab es kein Durchkommen. Der Wind trieb den Schnee vor sich her und backte und klebte ihn fest an Bäumen, auf Wegen und Sträuchern. Sie mussten tüchtig heizen und bald war der Vorrat an Holz aufgebraucht. Cornelius war während des Sommers und Herbstes zu beschäftigt gewesen, nach dem Holz zu schauen und Vorräte für den Winter anzulegen. Seine Frau Johanna-Gesine war schon kränklich und konnte nur die notwendigsten Arbeiten ausführen. Aber, sie hatte sich nach einem längeren Gespräch mit der „Huushöllerschen“ Magda, einer aus Flensburg stammenden alten Frau entschlossen, eine „Feenhecke“ zu pflanzen. Die Weißdornhecke sollte den Elfen und Feen Platz bieten, sich auszubreiten und ihnen ein Heim bieten. Magda, nicht nur „Huushöllersche“ sondern auch „Spökenkiekerin“ eine Frau, der die Fähigkeit zum zweiten Gesicht nachgesagt wurde, wusste nur zu gut darüber Bescheid, wie man den Wesen, die die Menschen nicht sehen konnten, eine Heimstatt bereitete.

„Lot se man; iss ja man nicht schlecht gegen de Wildswiene“.

Cornelius konnte seine insgeheime Furcht vor den Mächten, die er nicht verstand, kaum verbergen. So ließ er seine Frau schalten und hoffte, auf diese Weise Ruhe zu haben vor unliebsamen Katastrophen.

Die Linden pflanzte er selbst und Johanna-Gesine war sehr erfreut, dass Cornelius einem so magischen Schutzbaum Platz vor dem Haus gab. Nun konnte nichts mehr geschehen, dachte sie; auch wenn sie schon stark hustete, die kleine Anna an der Hand und schwanger mit Tjark.

DIGITAL CAMERA Durch das „Köpfen“ das Abschneiden der Linden, wenn sie eine bestimmte Höhe erlangt hatte, wuchsen neue Triebe, die wiederum „geköpft“ wurden, wenn sie eine bestimmte Höhe erreicht hatten. Die Folge waren Lindenhecken oder starke Lindenbäume mit vielen Seitentrieben, wie auch um das Haus des Stellmachers. Die Hecken aus Linden und Weißdorn waren sommers eine Pracht und gediehen üppig.

„Kumm man nich to nah heran, wenn’t duster iss“ wusste die alte Magda aus Flensburg. Die Dänen und Schweden vermuteten Elfen und Feen in den Linden und wollten sie auf keinen Fall stören. Für Cornelius waren die schnell und stark wachsenden Bäume ein Zeichen der Kraft seines Hofes.

„Nee, ik bünn man blots een Fotografiermensch und kumm ut Rendsburg“. Harald Randers war es gewohnt, dass er gerade von den Kindern mit Ehrfurcht behandelt wurde. Sie glaubten, dass in seinem Handwagen, mit dem er durch die Lande zog, sich viele unerklärliche und zauberhafte Dinge befanden. Dabei war es ganz einfach: Als Reisefotograf musste er immer ein Dunkelkammerzelt dabei haben, um die Fotografien sofort bearbeiten zu können. Wenn er zu lange wartete, wurde die Qualität der Abzüge schlecht.

„Ik wull een Bild moken von din Vadder und dat schöne Huus mit de Hecke. Din Vadder har sech, he wullt mi ok betahlen“, und dabei lachte Harald Randers, dass Anna ihre Scheu verlor.

„Vadder is in de Werktstatt“ sprudelte es jetzt eilig aus ihr hervor, während sie Johanna fest an der Hand hielt.

„Und din Modder?“

„Se is in Eckernför un kummt hüt nich mehr torück“, Anna hatte Vertrauen gefasst zu dem lustigen Menschen mit der komischen Kleidung und dem Handwagen voll mit seltsamen Gegenständen.

Als Vater Cornelius mit gemessenen Schritten aus seiner Werkstatt zu der kleinen Gruppe trat, hatte er seinen besten Rock angezogen. Ungewöhnlich fand Anna das, sagte aber nichts.

„Anna, wo is Tjark? Kiek mol nach em und roop em. Ik wull, dat he mit us tosomen up de Fotografie kummt.“

Eine Fotografie? Vater wollte ein Bild mit ihnen allen machen? Jetzt war Anna begeistert und ihre Zöpfe flogen. Schnell hatte sie Tjark gefunden und sich ihre beste Schürze angezogen. Die Haare zum Knoten auf den Kopf gesteckt und der Kleinen die Nase geputzt, standen sie da. Bruder Tjark musste Abstand von seinen Schwestern halten, damit keiner auf die Idee kommen konnte, er würde sich von Anna etwas sagen lassen.

„Nu müsst ihr pielliek stahn, all tosomen. Cornelius, bliv man dor stahn un hol din Arm över dat Gatter, dann süht dat ut alls wollst du wiesen, dat dat din Huus iss.“

Harald Randers stellte die Familie zusammen und wollte gerne, dass sie enger zusammenrückten, aber Cornelius beharrte auf seiner Stellung als Hofbesitzer, die sich deutlich zeigen sollte. Auch Tjark wollte deutlichen Abstand zu seinen Schwestern halten, wenn er sich auch den Hut auf den Kopf setzte, die Sonntagsbüx anzog und die viel zu großen Stiefel gerne und stolz präsentierte.

Und der Platz zwischen Anna und ihrem Vater?

Er blieb unbesetzt, denn sie wollten ihn der zu früh verstorbenen Mutter und ersten Ehefrau erhalten…

…110 Jahre später: Seit 25 Jahren wohne ich mit meiner Familie in diesem Haus. Wir haben es umgebaut und unseren Wünschen und Bedürfnissen angepasst. Es hat uns die Änderungen nicht übel genommen. Geduldig haben das Haus und seine innewohnenden guten Geister alle Wandlungen mitgemacht und uns ein richtiges Heim gegeben.

Die Feenhecke? Sie steht noch und wird mit guten Gedanken und meiner Heckenschere in Form gehalten.

Die Linden? Nur an dem Platz, an dem das Gatter stand, auf das sich Cornelius lehnte –der natürlich ganz anders hieß- gibt es eine weit verzweigte Lindenhecke; alle anderen Linden sind im Laufe der 110 Jahre verschwunden.

War etwa alles so vor 110 Jahren, wie ich es beschrieben habe?

Nein, wohl nicht; aber es hätte so sein können! Dankbar sind wir für die reiche, schöne und intensive Zeit, die wir mit unseren sechs Kindern in diesem Haus bis heute verleben dürfen….

© Nicolaus Kessener 2010

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Glossar:

Büss du een Magier? : Bist du ein Zauberer?

Noor : Das Wort Noor leitet sich vom dänischen Nor ab und bedeutet so viel wie „http://de.wikipedia.org/wiki/Haff“ „Haff“
Haff, Bucht. Es bezeichnet im Norden Schleswig-Holsteins in der Regel einen von einem größeren Gewässer fast vollständig abgetrennten seeartigen Teil.
An der Schlei gibt es eine große Zahl von Nooren. Am bekanntesten sind das Arnisser Noor und das Haddebyer Noor, an dem sich Haithabu befunden hat. Das Windebyer Noor bei Eckernförde, früher zur Ostsee gehörig, wird heute als Binnensee eingestuft.

Huushöllersche : Haushälterin

Spökenkiekerin : Eine Frau, die in die Zukunft sehen kann, das „zweite Gesicht“ hat.

„Kumm man nich to nah heran, wenn’t duster iss“ : Komm nicht zu nah heran wenn es dunkel ist.

„Ik wull een Bild moken von din Vadder und dat schöne Huus mit de Hecke. Din Vadder har sech, he wullt mi ok betahlen“, Ich will ein Bild machen von deinem Vater und dem schönen Haus mit der Hecke. Dein Vater hat gesagt, er will mich bezahlen.

„Nee, ik bünn man blots een Fotografiermensch und kumm ut Rendsburg“ : Nein, ich bin nur ein Fotograf und komme aus Rendburg.

„Und din Modder?“

„Se is in Eckernför un kummt hüt nich mehr torück“, Und deine Mutter? Sie ist in Eckernförde und kommt heute nicht mehr zurück.

Anna, wo is Tjark? Kiek mol nach em und roop em. Ik wull, dat he mit us tosomen up de Fotografie kummt.“ Anna, wo ist Tjark? Schau nach ihm und ruf ihn. Ich will, dass er mit uns zusammen auf das Foto kommt.

„Nu müsst ihr pielliek stahn, all tosomen. Cornelius, bliv man dor stahn un hol din Arm över dat Gatter, dann süht dat ut alls wollst du wiesen, dat dat din Huus iss.“ Nun müsst ihr ruhig und sehr gerade stehen bleiben. Cornelius, bleib mal da stehen und lege deinen Arm über das Gatter; dann sieht das genau so aus, als wolltest du uns beweisen, dass das hier dein Haus und Grund ist.