Rainer Beuthel

rbeuthel_konterfei2 geb. 1950 in Köln
aufgewachsen in Verden/Aller
seit 1978 Bibliothekar an der Stadtbücherei Eckernförde
Musiker und Autor

Produktive Anarchie ist mein Ideal kultureller Arbeit: Klänge – manchmal laut, manchmal sanft: Musik ist Leben. Sprache – als Gerüst, in dem sich in allen Richtungen umherklettern läßt. Gerne unbequem sein, aber auch von sich etwas preisgeben.

Als Gründungsmitglied von hafenmusic habe ich viele Veranstaltungen in der Siegfried-Werft mit organisiert und in einigen Formationen gespielt: als Gitarrist (und gelegentlich Sänger) bei Night & Day und Ecktown Blues Project, zur Zeit: huntaufshertz; als Bassist bei One Night Band, zur Zeit bei Coast Dogs.

Veröffentlichungen

als Autor u.a.: Klapsverbrüllt. Vierunddreißig Texte mit Verspäthung (2000)
Eckernförder Lesebuch (mit Sven Wlassack / 2002)
Texte in: Wer war „Graf Saint-Germain“ (2004), Eckernförder Strandgut (letztes Heft 2005), Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde (2009)

Zur Zeit schreibe ich Erinnerungen aus meiner Kindheit auf. Eine Textprobe:

Die Vorgeschichte: Köln

Wir wissen nie ganz sicher, ob unsere Erinnerungen – zumal an früheste Lebenszeit – sich auf tatsächliche Geschehnisse beziehen oder auf spätere Berichte von Erwachsenen. Ab einem nicht wahrnehmbaren Moment unterscheiden wir beides nicht mehr.
Mehrere Bilder sind mir aus Köln in Erinnerung geblieben. Da ist zum einen der Blick aus einem ziemlich breiten Fenster eines oben im Haus gelegenen Raumes. Draußen stehen über zertrümmerten Gebäuden riesige gelbe Kräne, die hin und her schwenken. Es ist hell, ein weißlich-blauer Himmel steht hinter allem. Schwarze Vögel fliegen darin. Da scheint auch eine Sonne von irgendwo her. Im Raum selbst steht eine Krippe, mein Bettchen, mit einem weißen Vorhang; da ist ein Tisch, auch eine Kommode und irgendein Sitzmöbel – aber diesem Bild vertraue ich kaum. Es gehört zum ersten dazu, ist irgendwie Teil davon, nur scheinbar eigenständig. Es könnte aus einem späteren Bericht gebildet worden sein.
Und da ist als zweites eine Straße mit einer langen Reihe von Autos an der Seite. Ich gehe diese Straße auf dem Bürgersteig an der Hand eines Erwachsenen, vielleicht meines Großvaters, vielleicht einer meiner Schwestern entlang; am Ende der Straße, weit hinten, steht die Silhouette des Doms. Bei jedem Auto greife ich in den Türgriff, versuche die Tür zu öffnen – vergeblich. Ich glaube, die Erwachsenen lachen über mich; aber ich weiß auch, daß diese Geschichte von dem türgriffbesessenen Bübchen später regelmäßig allerlei Gästen meiner Eltern in meinem Beisein erzählt wurde, und alle fanden es immer sehr lustig.
Drittens gehe ich mit meinem Großvater in der Nähe des Doms über eine Rheinbrücke. Wir gehen auf einem engen, durch Geländer links und rechts begrenzten Fußweg. Unten auf dem Fluß ziehen Lastkähne ihre Bahn. In der Mitte der Brücke fahren von Zeit zu Zeit Eisenbahnzüge. Mein Großvater erzählt mir etwas, er trägt einen grauen Mantel und hat einen Schnurrbart. Ich will nicht zurückgehen und am liebsten noch lange auf der Brücke bleiben.
Mein Großvater geht mit mir auch zum Karnevalszug. Wir gehen mitten auf der Straße auf eine Querstraße zu, auf der der Zug bereits in Bewegung ist. Menschen marschieren und da kommt langsam und majestätisch ein riesiger weißer Schwan gefahren, mit einem roten Schnabel. Die Flügel sind ein wenig nach oben gereckt und der Kopf ein wenig gesenkt. Schon ist er vorbeigefahren; an andere Wagen des Zuges erinnere ich mich nicht.
Und da ist viertens eine Toreinfahrt in den Hof neben dem Haus, in dem wir wohnen. Der Hof ist schmal und an der Seite hat mein Großvater eine kleine Werkstatt. Als ich mir im Alter von über vierzig dieses Haus in Köln erstmalig wieder ansah, konnte ich keine Toreinfahrt entdecken. Ich sah eine geschlossenen Häuserfront, und das Haus mit unserer Hausnummer war mit einem häßlichen grauen Schiefer verkleidet. Das konnte eigentlich nicht das Haus sein, in dem meine Großeltern, meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich damals zu Beginn der fünfziger Jahre gewohnt hatten. Darum habe ich es aufgegeben, meine Erinnerungen mit der heutigen Realität zu vergleichen.
Fünftens gibt es ein Bild, das ich mir selbst gemalt haben muß: meine Großmutter öffnet die Tür, stürzt herein und tritt auf den Goldhamster meiner Schwester, der dies nicht überlebt. Der Goldhamster wird manchmal in einer goldfarbenen Dose transportiert, in deren Deckel Luftlöcher gebohrt worden sind. Meine Schwester Ute weint fürchterlich wegen des Todes ihres Hamsters.
Mein Vater kommt in diesen Erinnerungen nicht vor. Es gibt jedoch Fotos, auf denen zu sehen ist, wie er mich stolz emporhebt und anlacht. Sie entstanden vermutlich dann, wenn er am Wochenende seine Familie besuchte. Da er kein Katholik war, hatte er in Köln keine Möglichkeit als Lehrer zu arbeiten. So war er, nachdem der Entnazifizierungsausschuß ihn endgültig als bloßen „Mitläufer“ eingestuft hatte, gezwungen, im weiter nördlich gelegenen protestantischen Teil der britischen Zone eine Arbeit aufzunehmen.
Auch an meine Mutter, die doch fast immer mir ganz nahe gewesen sein muß, habe ich aus dieser frühen Zeit fast keine Erinnerung. Ich glaube, ich weiß noch, wie ihre Stimme klang; und einmal stand sie im Flur der Wohnung und hat irgendetwas gesagt oder gerufen. In einem weiß-blauen Kleid.