Die Tralau

Marianne Tralau – 50 Jahre Kunst
– ohne Marktzensur

Rotes Tuch im Gebekum (M. Tralau foto: fognin) Marianne Tralau ist in Eckernförde für Kunstfreunde ein offenes Geheimnis und war über dreissig Jahre in Köln ein Geheimtipp für Kunstinteressierte. Wer ist die Frau, die als Zeichnerin, Galeristin, Aktionskünstlerin, Objekterstellerin, als Erfinderin einprägsamer Logos und als Illustratorin wirksam ist, aber in keiner Sammlung zu finden ist? Wikipedia gibt auch hier sparsam Auskunft, aber wir wollten mehr wissen. Marianne Tralau, die ausser mit ihren eigenen Werken auch als Galeristin in Erscheinung getreten ist, erzählte uns aus ihrem Leben.

„Meine Geburt fand öffentlich statt,

Unscharf (Marianne Tralau) manchmal suche ich ja das Publikum. 1935 in Rostock, mein Vater war zu der Zeit arbeitslos und um die Kosten der Entbindung zu sparen, ist meine Mutter in die Universitätsklinik gefahren und hat mich im Hörsaal zur Welt gebracht. Zur Belehrung der Studenten. In Rostock bin ich tatsächlich nur geboren – bevor es die DDR gab. Wir zogen bald über Berlin nach Wolfenbüttel. Dem Ort meiner Kriegskindheit.“
Ihr Vater war der Bauhausschüler Walter Tralau, einäugig und kriegsuntauglich verbrachte er die braunen Jahre mit Siedlungsbau und blieb unbelastet von dem nationalistischen Pöbel. So konnte er unmittelbar nach dem Krieg in Köln als Stadtoberbaudirektor den Wiederaufbau leiten. Die Familie zog um, Marianne sollte hier einen grossen Teil ihres Lebens verbringen. Als Tochter eines Bauhausschülers verlangte der Vater eine praktische Grundlage für die Berufswahl. Damals hatten die Väter noch das Sagen über das Geschick ihrer Kinder.

Selbst-flaechendeckend (M. Tralau) „Ich bin dann in Köln auf die dortige Kunstschule gekommen. Mit 17 war ich eigentlich zu jung. Aber da mein Vater sehr einflussreich war, hat das dann trotzdem geklappt. Die Kölner Werkschulen, so hieß die Schule, gibt es nicht mehr, da ist jetzt eine Fachhochschule für Medien draus geworden. Ich habe mich dann nach dem ersten Kunstjahr für die Gobelinweberei entschlossen und bin dann bald nach Hamburg gegangen, da konnte ich neben dem Studium eine Werkstattausbildung machen und habe dann nach entsprechender Zeit auch die Gesellenprüfung abgelegt. Kurz darauf bin ich nach Köln zurückgekehrt und sehr bald habe ich meinen Studienkollegen Will Thonett geheiratet. Ich habe Will Thonett wegen seiner künstlerischen Arbeit sehr verehrt und im Laufe der Jahre zwischen 1962 und 1959 wurden drei Kinder geboren. Ich habe in der Zeit eigentlich nur auf Grundlage meiner künstlerischen Tätigkeit diese Handwerksausbildung benutzt. “
Familie, Kunst und Handwerk – Marianne Tralau vereinte drei Berufe und entwickelte sich aus der textilen Gestaltung zur freien Künstlerin. Sie legte in dieser Zeit Grundlagen für Motive, die sie als Langzeitprojekte lebenslang begleiten sollten. Gewebte Werkstücke dauerten ihr zu lange. Sie reduzierte.

„Aber bevor ich die Weberei hinter mir gelassen habe,

selbst mit fusspilz (M. Tralau) hat es noch eine Krönung gegeben. Ich habe den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Textilgestaltung bekommen, das war 1973. Sehr bald habe ich der Weberei dann den Rücken zugekehrt und die Sache abgekürzt indem ich genäht habe und zwar mit der Maschine.“
Ihre neuen Werke waren zum Teil recht groß, 3,80 m breit und 6 m lang, eine Serie von Fahnen. Heimlich hing sie sie an Fahnenmasten, im liebsten vor städtischen Gebäuden. Geometrische Muster, Farbkompositionen, Farben in der Landschaft, aber nicht verschwimmende, sondern ganz klare Flächen hingen an verschiedensten Plätzen der Stadt. Es gab keine Beschwerden oder öffentliche Irritationen. Dass es jemand wagen würde ohne öffentlichen Auftrag und amtlichen Segen, quasi illegal auszustellen, war zu der Zeit einfach undenkbar.
„Im Laufe der 68er Jahre begann eine sehr starke Politisierung der jungen Leute und eine Politisierung überhaupt, ausgehend von Paris. Irgendwann hat mich diese Themenstellung auch ergriffen und ich habe mich gefragt, für wen ich diese ganze Kunst eigentlich mache. Ich musste mir ehrlicherweise die Antwort geben, für mich selber.
Dann kam eine familiäre Katastrophe dazu, mein Mann starb sehr plötzlich, ich musste die Familie ernähren . Nach dem Studium war ich eineinhalb oder zwei Jahre lang Lehrerin und merkte, ich brauche Kunst, es geht nicht ohne. Ich stellte mir wieder die Frage: Für wen denn Kunst? Und ich gab mir diese Antwort: Für dich, als reine Selbstbefriedigung. Diesmal habe ich das akzeptiert.“

Marianne Tralau, verliess den „sicheren“ Schuldienst und begab sich in das KAOS. Zumindest hiess die Firma so, die Peter Kleinert gegründet hatte. Die machten Videoproduktionen fürs Fernsehen, für Bürgergruppen und Gewerkschaften. Entweder direkte Beiträge, Auftragsproduktionen oder Ankäufe. Sie machte eigene Beiträge fürs Fernsehen, Mischungen aus Spiel- und Dokumentarfilmen, sogar ein Selbstportrait, das gesendet wurde.

Traumhafte Arbeitsbedingungen

laokoongruppe (Marianne Tralau) „Da war ich sehr stolz drauf, das konnte ich auch sein. In dieser Zeit hatte ich das unverschämte Glück, Arbeitsbedingungen zu haben, von denen jeder Künstler nur träumen kann.
Um leben zu können, musste ich im Monat eine Woche stramm durcharbeiten, wenn ich das so einteilen konnte und hatte den restlichen Monat frei zur Verfügung. Das heißt, drei Wochen frei und eine Woche harte Arbeit, die dann aber auch Spaß machte. “
Für Geld war gesorgt. Marianne Tralau heiratete später Peter Kleinert. Und sie zog mit ihren Zeichnungen durch die Kölner Galerien. Die Galeristen waren angetan, äusserten sich positiv, aber es kam nicht zu Verträgen, sondern hagelte Absagen. Marianne war zu alt. Mitte 40 und entschieden aus der falschen Generation: In der Aufbauzeit direkt nachdem Krieg hiess es für die jungen Künstler nur, sie sollten sich die Hörner abstossen, etwas lernen und werden. Jetzt, als markante Persönlichkeiten mit eigener Handschrift lautete das Urteil: „Du bist zu alt!“. Marianne Tralau erlebte dasselbe, wie viele ihrer Kollegen aus ihrer Generation.

Zu Alt

mit fanclub (Marianne Tralau) „´Du bist zu alt´. Drei meiner Kollegen sind daran verzweifelt, sie haben sich das Leben genommen. Die sahen für sich keine Perspektive mehr. Diesen Weg wollte ich nicht einschlagen  In Zusammenarbeit mit KAOS  richtete ich eine Galerie ein. Nicht für Leute, die zu alt sind, sondern für Leute, die aus anderen Gründen nichts verkaufen. Und zwar, weil sie nicht unverkäufliche, sondern unverkaufbare Kunstwerke machen. Dazu gehören Installationen, Performances, Konzeptkunst – alles, was man sich nicht an die Wand hängen kann. Das war eigentlich Ausstellungskunst am Markt vorbei. Bereits nach eineinhalb bis zwei Jahren war ich in der Stadt bekannt und ich kriegte von da an einen städtischen Zuschuss. Diese Galerie, die KAOS-Galerie, gab es zwölf Jahre, sie war bekannt und beliebt.“

Mit Schnuersenkeln (M. Tralau) Aber nicht nur die Galerie, es gab auch anderes. 13 Jahre Vorstandsarbeit im Kölner BBK (Bundesverband Bildender Künstler). Bis sie keine Lust mehr hatte. Und bei der Neuwahl, im Rechenschaftsbericht frech auf die Frage nach ihren Tätigkeiten antwortete: „Nix!, Ich habe nix gemacht.“ Sie wurde wieder gewählt, mit überzeugender Mehrheit.  Reichlich verdutzt, wieso ihre scheinbare Faulheit so positiv quittiert wurde, fragte sie den Vorsitzenden nach dem Grund. „Du bist alt, aber machst junge Kunst“ so die lakonische Antwort. Ein bemerkenswerter Satz, denn noch heute findet Marianne Tralaus Kunst genau dort ihre Würdigung, wo junge Kreative unvoreingenommen wahrnehmen können.

Marianne Tralau hatte zwischenzeitlich begonnen Textilkunst weiter zu vermindern. Anstatt zu nähen, legte sie lange (bis zu70 m) rote Stoffbahnen in die Landschaft.

Mit Schnuersenkeln2 (M. Tralau) „Ich fing an, ein Konzept zu entwickeln, das ich „Würdigung an einen Ort“ nannte. Das bestand darin, eine bis zu 70 Meter lange Stoffbahn an einem Ort, der mir bemerkenswert erschien, auszulegen. Ich habe dieses Tuch ausgelegt, Fotos davon gemacht, das Tuch wieder eingepackt und bin zum nächsten Ort gefahren. Publikum war gar nicht nötig, das heißt, die Sache war zwar öffentlich, aber irgendwie sehr geheim, ein Abkommen zwischen mir und einer Örtlichkeit.“

Der Mann mit dem Hund (M. Tralau)

Ein persönliche und Familienkrise führte für zwei Jahre zu kreativen Fluchten.

„… ich habe auch Fluchtkunst gemacht, Reisekunst. Ich habe große Erfahrungen gemacht, auf die ich stolz bin: Ich war alleine in Sibirien. Ich habe mich alleine auf den Weg nach Kamtschatka gemacht. Dort war ich 14 Tage, das war für mich eine unglaubliche Erfahrung. Natürlich hatte ich auch hier vor, das rote Tuch auszulegen.

was im kopf stattfindet (M.Tralau)

Bildhafte Kommunikation

zuhoerer  (M. Tralau) Ich habe das meinem Gastgeber deutlich gemacht. Ich konnte kein russisch und der konnte weder englisch noch deutsch, aber ich habe mich mit Fotos verständigt. Der wusste jetzt also, was ich mache und hat darauf bestanden, mitzukommen. Das war gut so, denn Kamtschatka ist lange Zeit militärisches Sperrgebiet gewesen, die waren jahrzehntelang mit roten Tüchern überflutet, die konnten die Dinger nicht mehr sehen und der Kommunismus war ihnen ein Gräuel, weil er sie eingesperrt hatte. Die durften weder raus noch Besuch empfangen und als ich da hinkam und ihnen ein rotes Tuch vor die Nase legte, wollte eine Frau mich verhauen. Das hat mein Gastgeber wirklich mit aller Mühe verhindern können. Der hat den Leuten gesagt, dass das Kunst ist, der hat mich wirklich beschützt. Solche Dinge passieren eben auch bei künstlerischen Tätigkeiten in der Öffentlichkeit. „

Neben den Kunstaktionen in der Ferne und der Nähe suchte Marianne Tralau einen neuen Stützpunkt. Sie stellte Anträge für Stipendien. Sie war in Ahrenshop, Künstlerhaus Lukas, in Südfrankreich und im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus in Eckernförde. Nach fünfundzwanzig Jahren in einer Kölner Grosswohngesmeinschaft in Domnähe zog sie in eine winzige Wohnung in Eckernförde.

Scheerenschnitt 1 (M. Tralau)

Existenzielle Beständigkeit von Kunst

tresor (Marianne Tralau) „Bei dieser sehr reduzierten Lebensform in der kleinen Wohnung, als ich auf meinen Küchentisch angewiesen war und das, was sich in meinem Kopf abspielte, denkt man natürlich über seine eigene Kunst nach und mir fiel eigentlich auf, dass die existenzielle Beständigkeit von Kunst eigentlich gar nicht so wichtig ist. Davor hatte ich mal ein für mich gravierendes Erlebnis, das nur eine Zeitungsnotiz war: Einem Künstler sei sein gesamtes Œuvre verbrannt. Da dachte ich, das kann nicht sein. Wenn jemandem der Wintermantel verbrennt, dann ist der Wintermantel weg. Aber wenn Kunst verbrennt, das hat ja einen anderen Ursprung gehabt, das ist in einem Geist entstanden und es gibt etwas, das nicht verbrennen kann, das immer noch da bleibt. Da dachte ich, du brauchst eigentlich gar nichts mehr machen, das Bestand hat und einen unverschämten Anspruch auf Ewigkeit erhebt. Das ist lästig, weil man sehr viel Platz braucht, den ich da nicht hatte und es ist auch schlecht für Leute, die übrig bleiben – ich schleppe zwei Nachlässe mit mir herum, das ist unerträglich. Da dachte ich, du brauchst nichts zu machen, du hast diesen Wert auf Beständigkeit, weil das besteht sowieso. Ich habe dann viele Installationen gemacht, die nur aufzubauen sind und wenn sie abgebaut werden in ihre Materialien zurückfallen. Das heißt, die kann man ganz getrost entsorgen, die stellen diesen Wertanspruch nicht. Das gefiel mir sehr.“

Scheerenschnitt 2 (M. Tralau)

Kunst voll recyclebar

der eine rede haelt (M. Tralau) Marianne reduzierte die Materialien und schuf Kunst die voll recyclebar war. So entstand eine Installation mit Suppenkellen aus Plastik. 400 Suppenkellen auf einer weissen Wand, leicht asymmetrisch angeordnet. Wenn der Betrachtende die Wand mit verdrehten Augen anschielt, wird dieses Gebilde dreidimensional, aus dem statischen Wandgebilde wird eine Rauminstallation die unter schielenden Augen äusserst greifbar wird. Die verwendeten Materialien waren und blieben einfache Suppenlöffel, die man jederzeit wieder ihrer ursprünglichen Funktion zuführen konnte, jedenfalls bei einer grösseren Volksspeisung. Äusserst belustigend, wenn solche eine Installation in einer Galerie von einer besonderen Kunstspedition abgebaut wird, jeder Löffel sorgsam in Seidenpapier eingeschlagen und das Ganze dann in gut gepolsterte Pappkartons verstaut wird mit riesigen rot leuchtenden Aufklebern: „Vorsicht Kunst“. Wie viel harte Realität verträgt denn zeitgemässe Kunst?

Streit (M. Tralau)

Vorsicht Kunst

tor (M. Tralau) „Das waren vier Kästen, davon habe ich einen verpackt gelassen, weil: Das war mir der Spaß wert. Ein Kasten, auf dem Vorsicht Kunst steht und ich weiß genau, es sind nur Löffel. Den habe ich sogar noch.“So entsteht aus dem, was für die Künstlerin nach dem Abbau nur noch profane Materialien sind und sein sollen, wieder etwas Neues: Deklarationskunst. Marianne Tralau besitzt eine umfangreiche Fotosammlung, die sie in aller Welt aufgenommen hat. Fotographien von Wäschestücken, die auf Leinen fröhlich über Strassen wehen, in Hinterhöfen hängen oder aus Gärten weit herüberleuchten. „Unbeabsichtigte Kunst im öffentlichen Raum“ nennt sie diese Installationen der bürgerlichen Notwendigkeit und stellt sie auf ihrer Homepage (www.tralau.com) aus. Deklarationskunst.

Der Umgang mit einfachsten Materialien, die in einem anderen Rahmen zeitweilig zur Kunst erhöht werden um wieder zurückzufallen in ihren eigentlichen Zweck, ist eins der Themen die sie bis heute begleiten.

Der Mann an der Unfallstelle-1 (M. Tralau) Ihr letztes Werk in dieser Richtung ist eine grössere Vitrine. „Nudelobjekte 4“. In der Vitrine sind gut sichtbar eine Unzahl kleiner Buchstabennudeln, genau jene, die Kinder aller Generationen zum schreibenden Umgang beim Löffeln der sonst eher ungeliebten Suppen animieren. Die Zahl der Buchstaben entspricht rechnerisch genau der Buchstabenmenge die ein literarischer Klassiker beinhaltet. „Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker DON QUIJOTE von der Mancha. Sonderausgabe für die Mitglieder der STUTTGARTER HAUSBÜCHEREI, verlegt 1956 im Winkler-Verlag München – Vollständige Ausgabe in der Übersetzung von Ludwig Braunfels.1019 bedruckte Seiten, unter Berücksichtigung von Sonetten, Liedern und Illustrationen mit einer Buchstabenanzahl von 2.090.398 insgesamt oder 87,8 kg Buchstabennudeln.“ Ein Kunstvorrat für schlechte Zeiten, oder ein zu verspielter Umgang mit Lebensmitteln? Marianne Tralau lässt die Betrachter dieses in der Galerie66 in Eckernförde aufgestellten Werkes mit den tieferen Fragen allein. Und geniesst Irritationen, auch wenn sie in der bürgerlichen Presse als Angriffe daherkommen.  Bevor Marianne Tralau eine grössere Wohnung in Eckernförde fand und ihre vielseitige Galerie „Frühstücksbühne“ gründete, führte sie sicht mit solchen Irritationen  in der Provinzstadt ein:

Der Mann an der Unfallstelle-5 (M. Tralau)

Installation Schrebergarten

rolltreppe (M. Tralau) „Ich habe einen Schrebergarten angemietet und neben meiner Gartenarbeit eine Installation da gemacht. Ich habe ausgerechnet, dass das Gelände ein Gefälle von 4 % hat – ich rechne gerne. Ich habe dann Pfähle gesetzt im Abstand von fünf Metern, das waren zehn oder zwölf, das Gelände war ziemlich lang. Und der längste Pfahl an der abschüssigsten Stelle war 2,50 Meter hoch und der kürzeste am Anfang 35 cm. Auf diese Pfähle habe ich Kindergartenstühlchen geschraubt, die alle in eine Richtung guckten. Für meine Begriffe sah es zauberhaft aus, die obere Begrenzung der Pfähle bezeichnete genau die Horizontlinie. Es gab einen unheimlichen Aufruhr in dem Schrebergartenverein. Der Vorsitzende bat mich inständig, das doch wieder wegzumachen, das wäre eine Provokation. Die Schrebergartenbetreiber mussten alle an meinem langen Weg vorbei und wenn es sichtbare Denkblasen geben würde, hätte ich das Ablesen können, aber ich sah es auch so: Wenige fanden das gut, die begrüßten mich schon von weitem, die anderen versuchten, einen anderen Weg einzuschlagen oder drehten sich weg. Nachdem das da schon ein halbes Jahr stand, wurde ich noch einmal von dem Schrebergartenvorsitzenden angesprochen, es könne ja nicht ewig da bleiben und wann ich das denn endlich beseitigen wollte. Ich sagte, ich warte auf Schnee, es ging auf Weihnachten zu und ich wollte noch Fotos machen. Er fragte, und wenn der Schnee nicht kommt? Ja, dann bleibt das stehen. Da sagte er, wissen Sie was, dann holen wir uns eine Schneemaschine aus der Schweiz für’s Skilaufen, dann kriegen Sie Ihren Schnee und dann kommt das weg.“ Marianne Tralau geht nicht unbedingt davon aus, dass Provokation, ärgern und Skandalchen notwendige Bestandteile ihrer Kunst sind. Aber sie nimmt solche Wirkungen durchaus billigend, ja geniessend in Kauf, sind es doch die Reaktionen die aus der Schnittmenge der ihr eigenen kreativen Welt und der sie umgebenden kleinstädtischen gefestigten Anschauung entstehen. Solcherart in einer Großstadt wie dem weitläufigen Köln zu wirken, dürfte unmöglich sein. Und welcher zeitgemässe Künstler wäre ein solcher, wenn es ihn nicht reizen würde, die sichere uns gesetzte Kulturlandschaft ein wenig anzukratzen und zum Nachsinnen und Reflektieren anzuregen?

Der Mann an der Unfallstelle-6 (M. Tralau)

Eklat und Skandal

shopping-mall (M. Tralau) Für das lokale Museum, das über Ausstellungsräume neben einer umfangreichen regionalen Sammlung verfügt, machte sie am Anfang ihrer Eckernförder Epoche zwei Konzepte. Uwe Beitz, der Direktor dieses zentral gelegen Hauses, nahm ihre Konzepte an.
„Die eine Ausstellung, das war ein Eklat. Ich sammele immer Materialien. Aus meiner Metall-Materialiensammlung habe ich, weil ich ein Geburtstagsgeschenk brauchte, ein verrostetes Metallteil auf Samt in einem Kästchen montiert und diesem Objekt einen fiktiven historischen Text unterlegt, wie so etwas im Museum ja auch ausgestellt wird. Mit dem Text schienen alle diese Metallobjekte uralt zu sein, das war alles aus der frühen Eisenzeit gefunden und da ich ein Geschichtswerk hier habe, das sehr komisch ist – zum Beispiel ist Hauptbestandteil, wer die erste Zahnbürste benutzt hat, es ist ausgelegt auf den Alltag – kam mir das sehr passend. Da konnte ich mir genau den Hintergrund aussuchen. Von diesen Objekten habe ich noch mehr gemacht zu einer Sammlung. Der Museumsleiter wusste, dass das alles nicht stimmte, dass das von mir hergestellt ist. Er sagte, das machen wir nicht als Kunst, sondern als Sammlung. Das war auch ganz gut. Da war das dann als Sammlung zu sehen, aus der ganzen Welt zusammengesammelt. Meine einzige Schwierigkeit war, wie bin ich da rangekommen? Ich kann ja nicht alles geklaut haben. Dann habe ich mir zu jedem Ding eine Geschichte ausgedacht und habe mir diese Geschichten so lange selber erzählt, in meinem Raum hin und her gehend, bis ich sie selber geglaubt habe. Dann kann man auch frei erzählen und ist nicht an einen Wortlaut gebunden. Die Presse war da und das Fernsehen auch, ein Kieler Privatsender und denen hab ich dann frei von der Leber weg erzählt, wo ich das alles herhabe und es war glaubhaft. Hinter der Kamera stand der Beitz und hat vor sich hingegrinst. Diese Ausstellung hieß „Wenn die Dinge reden könnten…“ mit drei Pünktchen – ich hatte dabei im Kopf, dann würden sie euch etwas ganz anderes erzählen. Diese Ausstellung dauerte recht lange, sie war drei Monate im Museum und es hat kaum irgendjemand genau hingeguckt, sie hatte aber eine Finissage. Auf dieser Finissage bin ich ziemlich beschimpft worden. Ich habe klar gemacht, das ist eine Kunstrichtung, die gibt es schon lange, Camouflage nennt sich das. Damit arbeitet auch jeder Romanschriftsteller, die denken sich auch etwas aus und behaupten, es sei wahr oder stellen es so dar. Mir wurde vorgeworfen, die ganze Stadt belogen zu haben, von ab da kannten mich alle. Uwe Beitz und ich wurden als das Münchhausen-Duo von Eckernförde bezeichnet. Die Hälfte der Stadt hat gelacht und die andere Hälfte war beleidigt.“

Spielende-kinder-3  (M. Tralau)

Marianne Tralaus Grundkonzept

crash in der u-bahn (Marianne Tralau) So einfach ist das. Marianne Tralaus Grundkonzept, Kunst für sich zu machen und die Menschen die es wollen teilhaben zu lassen, ohne kommerzielle Interessen, setzte sich in ihrer Eckernförder Galerie „Frühstücksbühne“ fort. Neben Ausstellungen, ursprünglich und zur Einführung waren es skurile Sammlungen, dann Künstler die sehr eigene Wege gehen und auch immer mal wieder eigene Werke. Ihr Bestreben, Dinge auszustellen, die eigentlich nicht als Ausstellungsware geschaffen worden sind, tritt immer mehr in den Vordergrund.

du-kannst-mich-mal (M. Tralau) „Mich langweilt es, auch wenn ich es mal mache, Bilder an der Wand auszustellen. Ich tendiere immer mehr dazu, nicht diese Art von Kunst zu zeigen, sondern Kunst, die auf einer anderen Idee basiert. Wir hatten schon einmal eine Ausstellung hier, eine Hauptperson, die sich gar nicht als Künstler verstanden hat. Der hatte nur eine erstaunliche Fähigkeit: Er konnte ununterbrochen reden, ohne Unsinn zu reden. Ich hatte ja inzwischen gute Freunde hier, mit denen ich mich auch beraten konnte und da haben wir zusammen die Idee ausgebrütet, diesen Menschen, den lassen wir mal ununterbrochen reden. Die Ausstellung hieß Worte im Raum, er agierte auf der Bühne, hatte einen schwarzen Anzug an. Da standen noch viele Stühle auf der Bühne und ansonsten war der Raum weiß ausgeschlagen. Er redete und konnte wie gesagt sehr gut reden, seinen Faden weiterspinnen, ohne die Leute anzugucken. Er konnte auch einen Platzwechsel vornehmen, setzte sich auf einen Stuhl und guckte aus dem Fenster, setze sich auf den nächsten Stuhl und guckte die Wand an oder auf noch einen Stuhl und guckte durch die Leute durch in den Zuschauerraum. Das war eine ganz faszinierende Aktion, die war auch erstaunlicherweise sehr gut besucht, meist von jungen Leuten. Die älteren konnten damit nicht so schrecklich viel anfangen. Das war der Beginn eines Fadens, den man eigentlich fortspinnen müsste.“

kann-das-weg (M. Tralau)

Humor

zerstoerter-notenstaender (M. Tralau) Marianne Tralau verfügt über ein kreatives Element, das oft als ausgestorben gilt im künstlerischen Bereich: Humor. Für sie ist es „cum granis salis“, eine Notwendigkeit. Aber für die meisten Leute ist Kunst etwas Hehres, etwas Museales, Teures…  Marianne Tralau verfügt als ältere Künstlerin erwartungsgemäss über ein großes Œuvre. Erst neuerdings gibt es eine Galerie, in der Werke von ihr mit Preisschildern versehen sind (Galerie66). Ansonsten hat sie, eher zufällig als beabsichtigt, in ihrem 50jähigen Kunstschaffen nur selten etwas verkauft. Bei ihr gibt es in den Ausstellungen keine roten Punkte, als Galeriefreie Künstlerin wird sie dafür aber auch nicht in Vermaktungsstrategien und Festhalteversuche eingebunden.  Das hat Vor- und Nachteile. Frei schaffend und eigenschöpferisch sein zu dürfen, damit aber auch einsam sein zu müssen, weil es nur wenige Betrachter gibt führt auch dazu, dass nur wenig öffentlich diskutiert wird, weil das immer mit dem Markt zusammenhängt. Ist das eine Chance oder eher ein Druck wollte ich von ihr wissen. „Ein Druck entsteht daraus nicht, eher das Gegenteil. Ich tobe auf einer riesigen Wiese alleine herum, da ist kein Druck. Ich habe mehr Freiraum, als ich haben will, ich bin alleine. Manchmal leide ich darunter, würde auch gerne im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen, aber ich vermisse weniger die große Galerie und das viele Publikum, als die Fachpresse. Da wünsche ich mir, dass ich da ab und zu drin erscheinen würde.

rotkaeppchen-um-1940 (M. Tralau)

Vom Kunstmarkt nicht bemerkt werden

koerperpflege_2 (M. Tralau) Andererseits gibt dieses vom Kunstmarkt nicht bemerkt werden eine Freiheit, auch die Freiheit des Humors, die mir der Kunstmarkt möglicherweise übel nehmen würde. Die kann ich mir erhalten. Ich habe die Eigenart, wenn ich Zeichnungen gemacht habe, diese sofort einzurahmen und mit Titel an die Wand zu hängen, wie bei einer Ausstellung. Ich arbeite viel nachts und wenn ich etwas fertig habe, setze ich mich davor wie ein Besucher einer Ausstellung und finde das toll. Das heißt, ich bin praktisch auch die Besucher meiner Ausstellung, die meist fehlen. Natürlich ist das auch ein Bild der Einsamkeit – jemand sitzt nachts vor einem Bild und findet das super, stellt aber gleichzeitig fest, es ist kein Publikum da. Besser kann man Einsamkeit nicht darstellen. Ich bin auch einsam, was Kunst angeht. Es gibt nur wenige in Eckernförde, die Spaß an meinen Arbeiten haben und über diese wenigen bin ich auch sehr froh. Wenn man genau hinguckt, sind es eigentlich noch ein paar mehr, weil die wenigen, die ich eben meinte, sind Erwachsene und ich habe festgestellt, dass Jugendliche da wesentlich mehr Zugang zu haben. Für die ist das einfach geil und cool. Ich arbeite viel mit einem Strich, ich vermeide ästhetische Schraffuren oder Perspektive, was in fast jeder Zeichnung vorkommt. Das vermissen die Erwachsenen, für die ist das keine Kunst. Die Jugendlichen interessiert das nicht, ob das Kunst ist oder nicht, die finden das einfach toll. Jugendliche nehmen Bilder sehr stark wahr. Vielleicht sollte ich mal zwischendurch erzählen, dass mindestens zwei Jugendliche mich gefragt haben nach Kopien von meinen Bildern, die sie gesehen haben und die sie in ihrem Zimmer hängen haben wollten. Da hängt das dann vielleicht neben irgendeinem Poster, aber es hängt da und gehört zu ihnen.“ (fognin/bernstein)

das-leben-ist-schoen (M. Tralau)

Das-auge-des-eichhoernchens (M. Tralau)

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selbst mit fusspilz (M. Tralau)

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selbst mit fusspilz (M. Tralau)

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